Kapsch TrafficCom – Teil 1

In einer Serie von Artikeln möchte ich versuchen, in den nächsten Wochen einige Kernaspekte der Kapsch TrafficCom AG zu beleuchten. Dabei will ich als Abwechslung zu den bereits im bargain-Magazine üblichen längeren pdf-Analysen einige separate Artikel gestalten, die jeweils einen Schwerpunkt bearbeiten und die vom zeitlichen Ablauf meinen eigenen Analyseprozess chronologisch nachvollziehen. Im letzten Artikel, d.h. nach vollständiger Betrachtung des Unternehmens, wird es natürlich eine pdf-Analyse zum Download geben, die alle einschlägigen und relevanten Themen gesammelt umfasst. Der Schwerpunkt dieses Artikels wird zunächst auf einigen Anmerkungen zu den Vorauswahlkriterien liegen, die dazu geführt haben, dass die Kapsch überhaupt auf meinen „Radarschirm“ gekommen ist, und schließlich noch einige allgemeine Ausführungen zum Geschäftsmodell des Unternehmens beinhalten. An dieser Stelle möchte ich auch darauf hinweisen, dass seit kurzem die Kommentarfunktion für die ab nun im bargain-Magazine erscheinenden Beiträge freigeschalten ist. Die geposteten Kommentare erfordern aus technischen Gründen eine kurze Freigabe durch mich, sofern es sich aber nicht um Spam oder wüste strafrechtlich relevante Beschimpfungen handelt, werde ich natürlich alle Postings veröffentlichen.

Zur Vorauswahl

Wie findet ein solches Unternehmen wie die Kapsch den Weg zu meiner geschätzten Aufmerksamkeit? Natürlich kann ich als stolzer Österreicher – wie wahrscheinlich die allermeisten Investoren – ein gewisses „home bias“ nicht leugnen. Für einen „Ösi“ ist dieses Phänomen kein großes Problem, da das Angebot an börsenotierten Gesellschaften bei uns euphemistisch formuliert „überschaubar“ ist. Das prime Segment der Wiener Börse hat derzeit 39 Unternehmen, von denen 20 im Leitindex ATX aufgenommen sind. Die restlichen Marktsegmente mid und standard kommen für mich aus rechtlichen Gründen (Offenlegungs- und Publikationserfordernisse) und aus Liquiditätsgesichtspunkten nur äußerst eingeschränkt in Frage.

Was ich in Bezug auf diese Unternehmen von Zeit zu Zeit (alle paar Monate) gerne mache, ist dass ich sie mit Hilfe einer Datenbank wie onvista.de und der dort verfügbaren Top/Flop-Suche mit den Kriterien „Österreich“ und „1 Jahr“ abgleiche. Das führt wenig überraschend dazu, dass ich eine Liste mit allen österreichischen Unternehmen und deren Kursentwicklung im letzten Jahr erhalte. Jene Aktien aus dem prime market, die auf der Liste ganz unten stehen, kann man zum Beispiel unter die Lupe nehmen.

Es ist zunächst so, dass die Kapsch auf den ersten kurzen Blick durchaus in mein persönliches Beuteschema passen könnte: Möglicherweise kann ich die wichtigsten Produkte und deren Einsatzbereich verstehen, der Kursverlauf im letzten Jahr und überhaupt seit 2011/12 indiziert eine massive Verbilligung der Aktie, das Management scheint selbst die Mehrheit der Anteile zu halten und die Marktkapitalisierung ist derzeit zu gering, um allzu viele Profis für das Papier zu begeistern. Offenbar dürfte das Unternehmen Probleme in irgendeiner Ausgestaltung haben, denn bei aller Irrationalität – völlig grundlos halbiert sich eine Aktie normalerweise nicht im Wert. ­

Allgemeines zum Geschäftsmodell

Die nachfolgenden Informationen stammen allesamt von der Homepage www.kapsch.net sowie absolut wissenschaftlich fundiert aus de.wikipedia.org/wiki/Kapsch_AG

Das Unternehmen Kapsch TrafficCom AG ist in die Kapsch Group Beteiligungs-GmbH (anscheinend der Holding der Familie Kapsch) eingebettet und bietet sogenannte „Intelligent Transportation Systems“ an. Darunter versteht man neben Systemen zur Mauteinhebung, wo die Kernkompetenz liegt, unter anderem Verkehrssicherheitslösungen, Systeme zur Parkraumbewirtschaftung, Verkehrsüberwachung, etc.

Überblicksmäßig formuliert bietet man Lösungen für folgende Bereiche an:

Road user charging: Darunter versteht man die Mauteinhebung, die in verschiedenen Konstellationen erfolgen kann (vollelektronisch, händische Einhebung, basierend auf Zeit, nach gefahrenen Kilometern, etc.). Man bietet Einzelteile sowie gesamte Systemlösungen an.

Urban access and parking: In verschiedensten Städten bezahlt man für die Nutzung von Straßen und Parkplätzen, entweder nur in gewissen Zonen, nach Schadstoffemission oder generell. Für diese Problematik werden Systeme zur Erfassung des Verkehrs und der Beitragseinhebung angeboten.

Road safety enforcement: Hier wird mit dem System “Kapsch Force” eine Lösung für die Durchsetzung der Straßenverkehrsordnung geboten – ob es nun um die Überwachung von Busspuren, der Einhaltung von Rotlicht, oder von Geschwindigkeitsbegrenzungen geht.

Commercial vehicle enforcement: Dieser Bereich erleichtert mit dem System “Kapsch CVO” Behörden die Überwachung von Trucks und der Einhaltung von Transportvorschriften wie z.B. dem höchstzulässigen Gesamtgewicht.

Electronic vehicle registration: Diese Lösung ist für die automatische Erfassung von Fahrzeugen und Verkehrsbewegungen gedacht.

Traffic Management: Hierunter werden Systeme zur Verkehrsüberwachung und daraus resultierend zur Steigerung der Verkehrssicherheit subsumiert.

V2X Cooperative Systems: V2X umfasst Lösungen zur Kommunikation “vehicle to vehicle” (V2V) und “vehicle to infrastructure” (V2I) und meint (soweit ich das auf den ersten Blick verstanden habe) Systeme, die Navigation, Stauumgehung etc. erleichtern sollen.

Ohne noch genauere Einzelheiten über diese verschiedenen Produkte und Lösungen zu wissen traue ich mir zu sagen, dass ich die grundsätzliche Sinnhaftigkeit der angeführten Systeme und deren Anwendungsbereiche (d.h. die Marktnachfrage) mit einiger weiterführender Lektüre zumindest im Groben verstehen werde können.

Es wird wahrscheinlich nicht vermessen sein davon auszugehen, dass die Betreiber von Straßen (das ist in den allermeisten Fällen die öffentliche Hand) in Zukunft noch stärker darauf angewiesen sein wird, Geld für die Benutzung der Infrastruktur zu verlangen. Immer wieder wird beispielsweise in Österreich darüber diskutiert, neben der bereits vorhandenen Autobahnvignette noch eine kilometerbezogene Maut einzuheben. Ein ähnliches Grundszenario lässt sich wahrscheinlich für die Gebühreneinhebung in urbanen Lebensräumen (einfacher gestrickte Menschen so wie ich nennen das einfach „Stadt“) konstruieren. Generell möchte man den Individualverkehr hauptsächlich in den inneren städtischen Zonen entweder reduzieren oder zumindest stärker zur Kasse bitten. Basierend auf solchen Prämissen kann man wohl davon ausgehen, dass die Nachfrage nach derartigen automationsunterstützten Systemen zur Gebühreneinhebung, zur Verkehrsüberwachung und zur Verbesserung der Verkehrssicherheit in Zukunft steigen wird. Dies muss eigentlich sowohl in Ländern passieren, die erstmals eine breitere Verkehrsinfrastruktur aufbauen (ich nenne die jetzt mal ganz salopp „pre emerging markets“), als auch in „gesetzteren“ Industriestaaten, wo nach und nach erheblicher Modernisierungsaufwand für die Infrastruktur aufkeimt, der möglicherweise ohne Beiträge aus dem privaten Sektor (z.B. über höhere Maut) nicht finanzierbar ist. Freilich muss ein solcher Makrotrend nicht automatisch bedeuten, dass auch die Mikroebene, nämlich ein Unternehmen wie die Kapsch daran entsprechend partizipieren kann.

Soviel vorerst zur Kapsch, ich werde mich in den nächsten Wochen genauer mit dem Unternehmen beschäftigen und mich als nächsten Schritt mit der finanziellen Stabilität der Gesellschaft auseinandersetzen. Ich bitte auch die Leser, über die Kommentarfunktion insbesondere Anregungen zu posten, welche Schwerpunkte ihnen besonders wichtig sind. Sofern ich dazu nach meinem Wissens- und Fähigkeitsstand in der Lage bin, werde ich diese in die kommenden Artikel einfließen lassen.

 

Rezension von „Der Crash ist die Lösung“

Für die deutsche (juristisch geprägte) Zeitschrift www.justament.de habe ich wieder eine Rezension verfasst, diesmal über das  Buch “Der Crash ist die Lösung – Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten” von Matthias Weik und Marc Friedrich.

Das 381 Seiten umfassende Werk fußt auf der These, ein umfangreicher Zusammenbruch des derzeitigen Weltfinanzsystems sei eine logische Konsequenz der desolaten wirtschaftlichen und finanziellen Verfassung vieler Staaten, die Folge seien Enteignungen, Inflation und Sonderabgaben. Passend dazu liefern die Autoren Ratschläge zum Erhalt des Vermögens sowie einige Gedanken rechts- und wirtschaftspolitischer Natur für die Zeit „danach“.

Der Text ist am Besten hier aufrufbar: http://www.justament.de/archives/4675

Besonderen Dank möchte ich diesbezüglich vor allem dem Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG aussprechen, der mir auf Initiative von justament ein Rezensionsexemplar des Werkes zugeschickt hat. Weiters gebührt Herrn Dr. Thomas Claer ein Dankeschön, auf dessen Anregung hin der Text überhaupt erst entstanden ist.

Einige Gedanken zu Gold…

Beim glänzenden Edelmetall Gold scheiden sich bekanntlich auch die Geister im sonst oft recht einhellig denkenden Lager der Value-Investoren. Während es gerade in Deutschland und zunehmend auch in Österreich schon fast einstimmiger Grundtenor ist, Gold müsse als Versicherung in jedes Depot „beigemischt“ werden, entfährt einem alteingesessenen Charlie Munger nur ein schroffes „civilized people don`t buy gold!“1 Im nachfolgenden kurzen Artikel möchte ich zunächst einige gängige Argumente quasi „pro und contra aurum“ zusammentragen und anschließend selbst einige Gedanken zum aufgetriebenen Material anstellen. Keinesfalls soll diese Abhandlung Anspruch auf Vollständigkeit erheben, wahrscheinlich ließe sich die Aufzählung der Argumente für und wider Gold beinahe beliebig fortsetzen und sicherlich auch das eine oder andere stichhaltige Argument gegen meine persönliche Sicht der Dinge vorbringen.

Einer der (aus meiner Sicht zurecht) meistgelesensten und vielgehörten „Anlagegurus“ im deutschsprachigen Raum ist Prof. Dr. Max Otte, der offenbar zeitgleich mit seiner aufkeimenden Verunsicherung über die Nachhaltigkeit der Immobilienwirtschaft in Amerika eine Meinungsänderung in puncto Goldinvestments durchlief. Die Kernargumente für Gold seien ihmzufolge einerseits, dass Gold neben Aktien, Anleihen, anderen Rohstoffen und Immobilien eine der wenigen „reinen“ Assetklassen seien. Daneben sei physisches Gold in einer großen Krise eine Versicherung und hätten „Superreiche“ ebenfalls begonnen, Gold zu kaufen.2

Desweiteren sei der Goldpreis bei damals 500 USD (einer der ersten Artikel von Otte zu diesem Thema erschien 2006) bei weitem nicht zu teuer, lag er doch in den Krisenjahren 1979/80 bei 800 USD und würde das inflationsbereinigt einen realistischen Preis von 1500 bis 2000 USD bedeuten.3 Insgesamt solle Gold in etwa 5% des Depots betragen4, später ändert er diesen Prozentsatz unter anderem auf 3 bis 10%5.

Ein anderer bekannter Deutscher, der sich regelmäßig zu Gold äußert, ist Dirk Müller. „Mr. Dax“ meint ähnlich wie Otte, Gold gehöre „in jeden Haushalt“, quasi zur Nervenberuhigung, und zwar im Umfang zwischen 10 und 20% des liquiden Anlagevermögens6. Er konkretisiert aber auch, dass man sich von Edelmetallanlagen nicht unbedingt den großen Renditetreiber erwarten solle, sondern eher „um etwas zu haben, das nie wertlos wird“7.

Freilich liefert allein die Eingabe eines Suchbegriffes „Argumente für Gold“ in eine bekannte Suchmaschine ellenlange (mehr oder weniger brauchbare) Abhandlungen. So wird auf einer Internetseite8 unter anderem ins Treffen geführt, Gold sei nicht beliebig vermehrbar, es biete „ultimativen Schutz vor einer Währungsreform, es entziehe sich weitestgehend dem Zugriff durch Regierungen – und auch die Tatsache dass Gold nicht rosten könne und seit jeher Faszination ausübe, scheint mittlerweile ein „Anlagekriterium“ zu sein. Andernorts9 wird die Pauschalfeststellung getroffen, Gold erhalte den Wert in Krisenzeiten. Schließlich10 gilt als weiteres Argument noch die Anonymität des Goldbesitzes: würde von heute auf morgen eine umfangreiche Vermögensbesteuerung beschlossen, so könne man seine Münzen zusammenraffen und das Weite suchen.

Wenden wir uns noch einigen, bunt durcheinander gewürfelten Argumenten zu, die in einer Internetrecherche auffindbar sind und die gegen Gold sprechen könnten. Ein oft ins Treffen geführtes Argument lautet, dass das Edelmetall keine Zinsen abwerfe11. Daneben wird beispielsweise in einem Artikel des Spiegel12 darauf hingewiesen, dass der Preis sehr stark schwanke und außerdem der Goldbesitz im Ernstfall ohnehin verboten werden könne. Mitunter wird auch auf Risiken und definitiv vorhandene Umstände bei der Lagerung physischer Goldbestände (Schließfachgebühren, Safeeinbau zuhause, etc.) verwiesen13.

Aufbauend auf diese Argumente möchte ich meine eigene Sichtweise zum Besten geben. Zunächst stellt sich die Frage nach der Validität des Argumentes von Otte, Edelmetalle seien eine „Anlageklasse“, also eine der wenigen „Dinge“ die sich zu einem Investment eignen. Hier hängt es meiner Meinung nach schlicht davon ab, welches Verständnis man dem Begriff „Investment“ zugrunde legt, ist also subjektiv. Benjamin Graham liefert einen möglichen Ansatz14, den ich im Prinzip auch teile:

Eine Investment-Transaktion verspricht auf der Grundlage einer sorgfältigen Analyse Vermögenssicherheit und einen zufriedenstellenden Ertrag. Transaktionen, die mit diesen Anforderungen nicht übereinstimmen, sind spekulativ.“

Die Merkmale, die aus diesem Investmentbegriff abstrahierbar sind, lauten also „sorgfältige Analyse“, „Vermögenssicherheit“ und „zufriedenstellender Ertrag“. Bereits im Hinblick auf das erste Merkmal muss ich Zweifel daran äußern, dass Gold per se überhaupt halbwegs zuverlässig bewertbar ist. Es mag zwar stimmen, dass das Angebot (Neuförderung plus bereits im Umlauf befindliches Gold) bestimmbar ist, die Nachfrage ist aber immer zu einem gewissen und nicht unwesentlichen Grad von einem Verunsicherungsfaktor in der Bevölkerung getrieben und dieser ist aus meiner Sicht kaum quantifizierbar. Anders formuliert: es ist kaum darstellbar, in welchem Umfang eine mögliche Krise, Währungsreform, Schuldenschnitt, Inflation oder was auch immer in Zukunft vielleicht auftreten kann, im Preis von heute bereits antizipiert wird. Aus meiner Sicht erfüllt Gold im Gegensatz zu den anderen Assetklassen, die z.B. Otte aufs Tapet führt und bei denen diese Kriterien zumindest manchmal erfüllbar sind, diesen Begriff nicht und sollte somit eine separate Kategorie bilden15. Letztendlich möchten das die Befürworter von Gold ja auch, indem sie es fast durchwegs als „Versicherung gegen den Ernstfall“ titulieren und nicht als Renditebringer sehen.

Das führt mich zum aus meiner Sicht aus den zusammengetragenen Argumenten ableitbaren Hauptgrund, Gold zu halten, nämlich zum „Versicherungscharakter“ dieses Rohstoffes im Ernstfall. Die erste Frage, die dieses Argument aufwirft ist jene, wie man denn diesen Ernstfall definiert. Aus den Ausführungen von Otte, dass langfristig betrachtet Aktien seit 1800 bessere Renditen abwarfen als Gold16, leite ich ganz frech ab, dass der Ernstfall einer sein müsste, in dem die Verwerfungen so schwerwiegend sind, dass sich ein gutes, branchenbezogen und regional diversifiziertes Portfolio von Unternehmen, dessen finanzielle Stabilität ausgezeichnet ist, die also in ihrer Finanzierung nicht übermäßig von Banken abhängig sind, dauerhaft nicht mehr erholen könnte. Temporäre Kursschwankungen lasse ich hier nicht gelten, denn dagegen wird sich ein langfristig orientierter Value-Investor kaum versichern wollen, weil das genau jene Zustände sind, die er bevorzugt herbeiwünscht. Auch eine bloße Währungsreform (nach einer heftigeren Inflationsphase und teilweisen Schuldenerlässen) ist aus meiner Sicht nicht schwerwiegend genug, um eine dauerhafte Erholung der Aktienkurse zu unterbinden. Zutreffend ist, dass viele Unternehmen nicht über die entsprechende Preissetzungsmacht verfügen, um ihre gestiegenen Input-Kosten an den Absatzmarkt weiterzugeben. Richtig ist auch, dass viele – besonders kapitalintensive – Unternehmen in Inflationszeiten gravierende Schwierigkeiten erleiden würden. Trotzdem fällt es mir schwer zu glauben, dass beispielsweise ein Portfolio mit Nestle, BP (oder Exxon), P&G, Coca Cola, Microsoft und anderen Qualitätsunternehmen (sofern sie zuvor zu halbwegs moderaten Preisen erworben wurden) durch Inflation und eine Währungsreform zugrunde geht. Natürlich werden sich eine Zeit lang weniger Menschen beispielsweise Coca Cola kaufen, wenn sie große Teile ihres Wohlstandes verloren haben, aber gerade die Coca Cola Company könnte temporär die Produktionsmenge wahrscheinlich ziemlich gut nach unten skalieren und ein paar Jahre später eben diese Produktion in den wieder steigenden Wohlstand hinein ausweiten. In all diesen Fällen ist aus meiner bescheidenen Sicht keine Absicherung notwendig, da der Ernstfall ein vorübergehender ist. Allerdings könnte man hier das Argument ins Treffen führen, dass temporär der Goldpreis in einem Inflationsszenario infolge einer Panikreaktion nach oben schnellen könnte, die Goldbestände dann verkauft und damit die Bestände an trudelnden Qualitätsunternehmen zu guten Kursen aufgestockt werden könnten. Das klingt für mich aber eher nach einem Versuch, den Markt (bzw. sogar mehrere Märkte) zu timen. Es ist also grundsätzlich an ein noch schwerwiegenderes Szenario zu denken, in dem große Teile der aktiengesellschaftsorientierten Konzernwirtschaft dauerhaft zugrunde gehen. Zu nennen wäre dann beispielsweise ein Weltkriegsszenario, in dem große Teile der Industrie weltweit verstaatlicht werden oder ähnliches. Es müsste soweit kommen, dass viele Menschen um ihr nacktes Überleben kämpfen. In diesen Fällen könnte man dann jene paar Golddukaten, die man mit auf die Flucht nehmen konnte und die einem nicht geraubt oder sonst von der Obrigkeit enteignet wurden, gegen Lebensmittel eintauschen. Hier wage ich zu behaupten, dass große Teile der Kaufkraft, die ich zum Zeitpunkt des Golderwerbes (also in Zeiten der Ruhe) abspeichere, dann trotzdem verloren gehen. Erhielte man zum jetzigen Zeitpunkt für eine Unze Gold zum Beispiel ungefähr 1000 Liter Milch, so sind Zweifel durchaus berechtigt, dass man dieselbe Menge in einem derart postapokalyptischen Szenario bekäme, wo große Teile der Landwirtschaft und der Produktionsstätten beschädigt sein würden. Von einem wirklichen Vermögenserhalt kann hier keine Rede sein, allerdings kann man daraus im Halten von Gold eine gewisse flexible Grundabsicherung erblicken – mehr jedoch nicht. Etwas überspitzt formuliert könnte man sagen, dass man seine Überlebenschancen für diesen (hoffentlich für immer fiktiven) „Ernstfall“ eher steigert, indem man das „Versicherungskapital“ anstatt in Gold in eine umfassende und gute Ausbildung, in das Lernen von verschiedenen Sprachen oder ähnliche „immaterielle Güter“ steckt, die die eigene Arbeitskraft aufwerten und im Ernstfall besser eintauschbar machen. Freilich wird es viele geben, denen dieser Mehraufwand nicht (mehr) zu Gesichte steht und für die dadurch Gold durchaus eine gangbare Alternative darstellt.

Enteignungstendenzen per se möchte ich übrigens ebenfalls nicht gelten lassen, weil es aus meiner Sicht naiv wäre zu glauben, dass im Falle eines Währungsumbruches bzw. zur Abdeckung staatlicher Verbindlichkeiten lediglich Anleihegläubiger, Aktionäre und Immobilienbesitzer herangezogen würden, die Goldbesitzer, insbesondere jene, die ihre Schätze im Bankschließfach deponiert haben, aber verschont blieben. Für die Teile des Goldbestandes, die man selbst lagert, bestehen zunächst im Normalfall wesentliche Mehraufwendungen in der Bestandhaltung und im Falle des Falles wahrscheinlich ein ziemlich rigoroses Goldverbot in Kombination mit einem Schwarzmarktszenario, bei dem keiner genau weiß wie es sich entwickeln würde. Natürlich könnte jemand, der vor kriminellen Machenschaften nicht zurückschreckt, hierin eine Chance erblicken.

Letztendlich lässt sich aber für mich persönlich feststellen, dass Gold für die meisten Szenarien wahrscheinlich eine Versicherung darstellt, die man nicht braucht, in einem Extremfall lediglich zur Absicherung verschiedener rudimentärer Grundbedürfnisse dient, keinesfalls aber zum wirklichen Kaufkrafterhalt, und selbst das für manche nur die zweite Wahl sein dürfte. Kurzum: pauschale Verallgemeinerungen a la „Gold dient zum Vermögenserhalt“, „Gold ist eine Versicherung“ oder „Gold gehört in jedes Depot“ sind nicht zielführend.

Eine kleine Anmerkung möchte ich abschließend anbringen zu etwas das mich persönlich während meiner Recherchen besonders erheitert hat: in einem Artikel in der Wirtschaftswoche17 wird auf die offenbar starken Schwankungen im Goldpreis hingewiesen und als „Gegenmittel“ dafür die Absicherung gegen eben diese Schwankungen über Derivate vorgeschlagen. Man kaufe also eine Versicherung gegen die Wertschwankungen der Versicherung. Passenderweise werden zwei mögliche „Produkte“ aus der Derivatkategorie ad hoc vorgestellt, einerseits ein „Short-ETF“, d.h. ein (offenbar synthetischer) börsengehandelter Fonds, der sich gegenläufig zum Goldpreis entwickeln soll und nur läppische 0,8% Spread verschlingt. Andererseits wird ein Short-Zertifikat mit einem 6er-Hebel vorgestellt, allerdings nur für „routinierte Anleger“. Das bedeutet, eine Veränderung im Basiswert schlägt sich mit einem Faktor 6 auf das Zertifikat nieder. Der ETF habe laut der Quelle ThomsonReuters, auf die sich der Artikel bezieht, ein Chance-Risikoverhältnis von 7 zu 6, während das Hebelzertifikat auf 10 zu 9 komme – was auch immer das bedeuten soll – , wahrscheinlich dass man es kaufen muss. Besonders spannend ist auch, dass für diese beiden Papiere von den Autoren des Artikels ein Stopp-Kurs definiert wird. Wenn also die Versicherung gegen die Schwankungen der Versicherung in die falsche Richtung schwankt, kann man sich gegen zusätzliche Kursverluste absichern. Faszinierend.

Quellen:

1 http://www.youtube.com/watch?v=wXBjwxAP0es

2 Max Otte; Sehr geehrte Privatanleger; 1. Aufl.; S. 281 ff

3 Max Otte; Sehr geehrte Privatanleger; 1. Aufl.; S. 283

4 Max Otte; Sehr geehrte Privatanleger; 1. Aufl.; S. 284

5 Max Otte; Sehr geehrte Privatanleger; 1. Aufl.; S. 289

6 http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/Interview-Dirk-Mueller-Gold-ein-Muss-fuer-jeden-Haushalt-3539766

7 http://www.finanzen.net/nachricht/private-finanzen/Interview-Dirk-Mueller-Die-meisten-kaufen-Aktien-wenn-es-zu-spaet-ist-3271970

8 http://www.gold-kaufen.biz/vor-und-nachteile/

9 http://www.goldreporter.de/gold-kaufen/; http://www.krisenvorsorge.com/krisenvorsorge-die-argumente-fuer-gold-bleiben-sattelfest/

10 http://www.bullionaer.de/shop_content.php/coID/12

11 http://www.sachwert-magazin.de/index.php/smrohstoffe/122-gold-silber2

12 http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/warum-gold-in-der-euro-krise-keine-gute-geldanlage-ist-a-852928.html

13 http://www.gold-kaufen.biz/vor-und-nachteile/

14 Benjamin Graham, David Dodd; Die Geheimnisse der Wertpapieranalyse; 3. Deutsche Auflage; S. 78; beschämt gebe ich zu, dass ich diesmal aus der ziemlich schlecht übersetzten deutschen Edition zitiert habe

15 Auch zustimmend: Max Otte; Sehr geehrte Privatanleger; 1. Aufl.; S. 288

16 Max Otte; Sehr geehrte Privatanleger; 1. Aufl.; S. 288; unter Verweis auf Jeremy Siegel; Langfristig investieren;

17 http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/goldpreis-argument-fuer-gold/8463110-5.html

Erstanalyse Rosenbauer AG

Die Rosenbauer AG ist ein Feuerwehrzulieferer. Man produziert verschiedenste Arten von Feuerwehrautos, Löschsystemen, Drehleitern, sonstigen Ausrüstungsgegenständen, etc. Laut dem GB 2013 ist man – gemessen am Umsatz – der größte Feuerwehrausstatter der Welt.

Hier sieht man einige Kennzahlen betreffend die finanziellen Stabilität, wie ich sie selbst berechnet habe (es kann sein, dass die Werte aufgrund von Rundungsdifferenzen und/oder anderen Berechnungsvarianten von den Angaben des Konzerns selbst abweichen – so mir diesbezüglich etwas auffällt, werde ich darauf eingehen):

2009 2010 2011 2012 2013
EK-Quote 32.50% 42.70% 40.04% 38.80% 45.06%
Gearing 42.00% 20.16% 42.66% 56.55% 26.20%
Sachinvestitionsquote 88.89% 25.71% 84.62% 350.00% 30.49%
Wachstumsquote 2.46 1.29 1.38 1.56 2.50
Umlaufintensität 79.95% 78.12% 79.81% 80.14% 75.66%
Anlageintensität 20.05% 21.88% 20.19% 19.86% 24.34%
Anlagendeckungsgrad I 162.07% 195.16% 198.34% 195.35% 185.15%

Als erstes fällt auf, dass sich die EK-Quote innerhalb der letzten Jahre verbessert hat. Auch die Zehnjahresübersicht aus dem GB 2013 zeigt eine solche Entwicklung. Das ist vorerst positiv zu werten. Das gearing hat sich auch reduziert, eine Netto-Cashposition war aber trotzdem nie vorhanden, weder im 5 Jahres-Betrachtungszeitraum noch im 10 Jahres-Rückblick aus dem GB.

Alles in allem würde ich die finanzielle Stabilität als zufriedenstellend, aber keinesfalls als hervorragend bezeichnen. Insbesondere der geringe Liquiditätsstand in Relation zu Umsatz, Wachstumskurs und Höhe der finanziellen Verbindlichkeiten gefällt mir nicht.

Volle Analyse als PDF

Im Anschluss an die Lektüre der Analyse darf ich Sie herzlich zu feedback oder Fragen jeder Art entweder über koinegg@bargain-magazine.com oder über das Kontaktformular einladen! Alle Kontaktaufnahmen werden beantwortet.

„Meistens irrt man sich, wenn man später denkt, man hätte sich geirrt“

Bargain-Interview mit Börsen-Buchautor Thomas Claer

Dr. Thomas Claer ist Jurist und Publizist in Berlin, Chefredakteur der Zeitschrift Justament (www.justament.de), Autor des Buches „Auf eigene Faust: Aktiensparen für Kleinanleger“ sowie selbst leidenschaftlicher Anleger. Dem bargain-Magazine steht er nun für ein Interview über sein Buch und seinen langjährigen Erfahrungsschatz zur Verfügung, wofür wir ihm sehr dankbar sind.

b.m.

Thomas, Du beginnst Dein Werk mit der einleitenden Bemerkung, Aktien seien in den Augen von vielen Deutschen „Teufelszeug“ und weist zurecht auf viele Problemfälle wie den „Neuen Markt“ hin, die dazu führen, dass Neulinge sich regelmäßig die Finger verbrennen und anschließend der Börse gezeichnet fernbleiben. Wie beurteilst Du momentan die Lage? Hält sich der Deutsche nach wie vor von dem teuflischen Anlagevehikel fern oder entdeckt er angesichts eines von Höchststand zu Höchststand eilenden Leitindex langsam die Aktie wieder?

T.C.

Es gibt leider unverändert, und längst nicht nur bei uns in Deutschland, eine große Zahl an Kleinanlegern, die mit ihren Geldanlagen auf die Nase fallen. Diese Leute gehen häufig ohne grundlegende Kenntnisse der Kapitalmärkte in wenig lukrative oder zweifelhafte Anlagen, oft genug noch ermuntert von ihren provisionsgetriebenen Bankberatern.

Auf der anderen Seite steht die – glücklicherweise immer weiter wachsende – qualifizierte Minderheit der „aufgeklärten Kleinanleger“, die sich selbst um ihre Geldanlagen kümmert. Und die profitiert natürlich derzeit ganz stark von den Höchstständen in den Aktienindizes.

b.m.

Wie ließe sich dieser Mechanismus verändern – sprich: was kann man als Anleger machen, um sich nicht die Finger zu verbrennen?

T.C.

Wer zu dieser qualifizierten Minderheit der eigenverantwortlichen Selbstanleger gehören will, sollte sich zunächst aus unabhängigen Quellen über die grundlegenden Zusammenhänge informieren und sich dann schrittweise eine „Technik“ des überlegten Anlegens aneignen. Dazu gehört unbedingt eine wirksame Methode der Risikobegrenzung, womit ich aber gerade nicht das Setzen von Stopp Loss-Marken meine, sondern vielmehr eine breite Streuung durch Diversifizierung. Außerdem hat in meinen Augen das Liquiditätsmanagement eine überragende Bedeutung, d.h. wie gut sich ein Wertpapierdepot entwickelt, hängt entscheidend davon ab, nie voll investiert zu sein, sondern immer auch eine angemessene Cash-Reserve zurückzubehalten.

b.m.

Wieviel Zeit (auf Tages-, Wochen- oder Monatsbasis) ist Deiner Meinung nach mindestens erforderlich um sich sinnvollerweise selbst um seine Anlagen zu kümmern? Wie viel Zeit verwendest Du selbst dafür?

T.C.

Wenn man ganz neu anfängt, dann kostet es sicherlich eine Menge Zeit und Kraft, sich nach und nach ein ausgewogenes und vernünftiges Wertpapierdepot zusammenzustellen. Aber um es mal ganz krass zu sagen: Wer sich einmal mit Bedacht ein solches Depot aufgebaut hat, der braucht danach eigentlich nur noch alle paar Monate kurz nach dem Rechten zu sehen und sich gelegentlich über den Newsflow aus den Unternehmen auf dem Laufenden zu halten. Und einmal im Jahr, am besten im September, weil da oft ein temporäres Tief an den Märkten ausgebildet wird, kann man dann die Dividendeneinnahmen des laufenden Jahres sowie etwaige zusätzliche Mittel, die man dem Depot zugeführt hat, für Nachkäufe verwenden. Also sagen wir durchschnittlich einmal im Monat zehn Minuten zum Nachsehen im Depot, ein paar Stunden Recherche im September, welche Positionen aufgestockt werden sollten. Das würde theoretisch reichen, sofern man sich für solide Werte mit nachhaltigem Geschäftsmodell entschieden hat. Sollte es aber zwischenzeitlich an der Börse zu so heftigen Turbulenzen kommen, dass in den Fernsehnachrichten ausführlich darüber berichtet wird oder die Schlagzeilen auf den ersten Seiten der Zeitungen das Thema aufgreifen, dann könnte es sich lohnen, aktiv zu werden – natürlich auf der Kaufseite. Also in solchen Phasen noch ein paar Stunden Recherche für günstige Nachkäufe – das war’s. Umgekehrt darf man natürlich in Phasen irrationalen Überschwangs, wo sich die Märkte in absurden Höhen bewegen, auch mal an teilweise Gewinnmitnahmen denken. (Solche krassen Überbewertungen hatten wir aber zuletzt im Jahr 2000, heute kann davon – zumindest mit Blick auf den Gesamtmarkt – noch absolut keine Rede sein, wie übrigens auch nicht 2008 und 2011.) Dagegen macht alles Hin und Her, was über das Beschriebene hinausgeht, langfristig meistens doch nur die Taschen leer. Klar, man kann sich auch mal irren mit einem Investment, aber wenn man bei seinen Entscheidungen gründlich und überlegt vorgeht, dann kommt das nur selten vor. Meistens irrt man sich nämlich dann, wenn man später denkt, dass man sich beim Kauf geirrt habe. Aber wenn eine gute Aktie billiger wird, dann sollte man sie nicht verkaufen, sondern abwarten oder sogar nachkaufen.

Ich selbst mache es aber beim Zeitaufwand etwas anders. Ich verwende jeden Tag mindestens 15 Minuten, meistens etwas länger, um die Neuigkeiten der Unternehmen, in denen ich investiert bin, zu verfolgen und manchmal auch um die Meinungen bekannter Börsengurus über den Gesamtmarkt und über bestimmte Hintergründe zu lesen, zu hören oder anzusehen, die es ja alle frei im Internet gibt. Das mache ich aber in erster Linie, weil es mir Spaß macht, und nicht, weil es unbedingt nötig wäre.

b.m.

Du legst in Deinem Buch auch Kritikpunkte an aktiv gemanagten Fonds dar. Was hältst Du von Indexfonds und ETF`s, also von einer Anlagephilosophie a la John Bogle?

T.C.

Wer das will, kann das durchaus machen. Nur mit Indexfonds und ETF ist man zwar wegen der Gebühren immer ein wenig schlechter als der Gesamtmarkt, aber doch besser als 80 Prozent der aktiv gemanagten Fonds. Wer sich allerdings ein wenig mehr Arbeit macht und auf Einzeltitel setzt, hat gute Chancen, besser als der Markt abzuschneiden, schon weil man als Kleinanleger – anders als die Profis – völlig frei in seinen Entscheidungen ist und keinen Zwängen unterliegt.

b.m.

Freilich gehören Kostolanys 4 G`s (Geld, Gedanken, Geduld und Glück), die in Deinem Buch als Kapitelüberschriften dienen, untrennbar zusammen. Wenn Du einem Leser aber ein Kapitel aus Deinem Buch besonders ans Herz legen möchtest, welches wäre es dann? Und warum?

T.C.

Ich würde zwei Kapitel besonders hervorheben wollen, nämlich „Geld“ und „Geduld“. Die werden am meisten unterschätzt. Dass zum Börsenerfolg auch viel Glück gehört, wird niemanden überraschen. Dass man sich gleichwohl eine Menge Gedanken machen sollte, leuchtet auch jedem ein. (Manche Marktteilnehmer laufen sogar Gefahr, sich zu viele Gedanken über ihre Investments zu machen.) Mindestens die Hälfte des Börsenerfolgs hat aber mit Geld und Geduld zu tun.

Mit Geld meine ich ausdrücklich nicht, dass man an der Börse von vornherein über eine große Menge Geld verfügen sollte, die dann auf einen Schlag angelegt wird. Viel effektiver ist ein kontinuierliches Ansparen notfalls auch kleinerer Beträge und deren nur teilweise Investition. Vor allem ist wichtig, nie sein ganzes Pulver zu früh zu verschießen! Das nächste Schnäppchen kommt bestimmt.

Und schließlich kann man die wichtige Rolle der Geduld, des langen Atems gar nicht genug betonen. Wer stets zu schnell und voreilig entscheidet, dem nutzen auch die besten Gedanken nicht viel, der wird am Ende auch noch sein Glück verlieren.

b.m.

Stichwort Liquiditätsmanagement: mit welcher Cashquote bezogen auf das Gesamtportfolio fühlst Du Dich wohl?

T.C.

Es kommt immer auf die Marktsituation und die persönliche Situation an. Unmittelbar nach den Crashs 2000-2002, 2008/09 und 2011 waren die Märkte so billig, dass es ausnahmsweise angebracht war, zu annähernd 100 Prozent investiert zu sein. Inzwischen haben wir nach dem steilen Anstieg der letzten Jahre schon wieder so hohe Bewertungen, dass ein Viertel oder sogar ein Drittel Cash womöglich keine schlechte Idee wäre.

Ein junger Mensch, der ja noch viel Lebenszeit vor sich hat, sollte immer auf genug Cash in der Hinterhand achten, denn manche Chancen – so wie die genannten Crashs – kommen nur wenige Male im Leben. Wer da knapp bei Kasse ist, weil er schon voll investiert ist, hat wirklich etwas verpasst. Wer im mittleren Alter ist und idealerweise schon einiges Vermögen akkumuliert hat, kann es sich eher erlauben, die Liquidität niedrig und die Investitionsquote hoch zu halten, denn ihm bleiben ja immerhin die regelmäßigen stattlichen Dividendeneinnahmen, während sich die Kursschwankungen noch mühelos aussitzen lassen. Im noch weiter fortgeschrittenen Alter schließlich, wo man nicht mehr weiß, ob sich die Börsenschwankungen überhaupt noch aussitzen lassen und die Aufregung über Kursverluste auch zum gesundheitlichen Risiko werden kann, ist dann wieder eine höhere Liquiditätsquote angemessen.

Eine starre Regel für die Cashquote kann es also nicht geben. Es ist immer auch eine Frage der Situation und des Fingerspitzengefühls. Ich selbst habe im Moment nur zehn Prozent Liquidität im Depot, aber das hat vor allem persönliche Gründe.

b.m.

Stichwort Aktiensuche: Welche Methoden gefallen Dir besonders gut, um potenzielle Investmentkandidaten aus der schier endlosen Menge an börsennotierten Gesellschaften herauszufiltern?

T.C.

Man hört oder liest irgendwo von einem Unternehmen, z.B. in einem Börsenblog oder sogar im Wirtschaftsteil der Tageszeitung, dessen Geschäftsmodell man plausibel und vielversprechend findet. Dann sieht man sich im Internet die Kennzahlen näher an, um herauszufinden, ob es noch günstig bewertet ist. Aus der Entwicklung der Unternehmensgewinne der letzten zehn Jahre sieht man auch gleich, wohin der Trend geht. Besonders wichtig ist aber der Gesamteindruck hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Seriosität der Firma. Wenn da irgendwann früher schon mal unschöne oder intransparente Sachen gelaufen sind, lässt man besser die Finger davon. Ebenso bedenklich ist es, wenn ständig Gewinnwarnungen kommen, also das Management regelmäßig die selbstgesetzten Ziele verfehlt. Oft sehr wertvoll sind Börsenforen im Internet wie Wallstreet Online. Wenn da zu einem Wert schon zig Diskussionen parallel ablaufen, sollte man dort lieber nicht mehr einsteigen. Wenn es aber nur etwa fünf bis zehn qualifizierte Kommentare pro Monat gibt, könnte das auf eine gute Aktie hindeuten, die noch nicht von der breiten Masse entdeckt worden ist.

So habe ich bis vor etwa acht Jahren meine Investmentkandidaten ausgesucht. Seitdem beschränke ich mich im wesentlichen auf die Beobachtung der Unternehmen, die ich schon kenne und in denen ich früher mal investiert war oder es noch bin.

b.m.

Ideen „klauen“ ist ja grundsätzlich nicht verboten… welche in der Finanzwelt bekannten Investoren beeinflussen Dich besonders stark? Die Antwort „Warren Buffett“ zählt übrigens nicht… J

T.C.

Ich höre mir gerne an, was Heiko Thieme immer so erzählt. Ähnlich wie der alte Kostolany hat er ja auch etwas von einem Komiker und ist immer sehr unterhaltsam. Auch was Jens Ehrhard und Max Otte in ihren Kolumnen schreiben, ist immer sehr lesenswert. Ein ganz großer Börsendenker ist für mich Robert Rethfeld von www.wellenreiter.de. Der hat ein paar Jahre lang mit seiner Zyklentheorie und seinem Korrelationsansatz den Börsenverlauf ganz großartig vorausgesagt. Aber im vorigen Jahr lag er dann katastrophal daneben, so wie alle anderen, sofern sie Prognosen abgeben, sich ja auch recht häufig irren. Vorigen Sommer hat mich ein Freund, als der DAX bei über 8.000 Punkten stand, gefragt, ob man noch einsteigen könnte. Ich riet ihm, eine Korrektur auf 7.200 Punkte abzuwarten. Die ist aber nie gekommen. Jetzt stehen wir fast bei 10.000. Bei kurz- und mittelfristigen Vorhersagen ist der Glücksfaktor eben immer ziemlich hoch. Langfristig wird sich die Börse aber – unter heftigen Schwankungen – wahrscheinlich immer etwas besser als das Wirtschaftswachstum entwickeln. Du weißt ja, dass Kostolany das Verhältnis von Börse und Konjunktur mit dem zwischen einem Hund und seinem Herrchen beim Spaziergang verglichen hat. Mal läuft der Hund weit voraus, mal deutlich hinterher, aber er kommt irgendwann immer wieder zum Herrchen zurück. Und wenn man auf Unternehmen setzt, die auf lange Sicht kontinuierlich ihre Gewinne steigern können und deren Geschäftsmodell das auch für die Zukunft erwarten lässt, dann wird man dafür langfristig sehr wahrscheinlich auch durch steigende Aktienkurse und Dividendenausschüttungen belohnt.

b.m.

Du beziehst Dich im Hinblick auf die Problemstellung der Diversifizierung in Deinem Buch auf eine Untersuchung, wonach die Streuung bis zu ca. 15 Einzeltitel eine Verbesserung des Risikoprofiles bringen kann. Wieviele Titel hältst Du momentan?

T.C.

Ich kann mich genau daran erinnern, dass ich vor ein paar Jahren mal in einem Börsenblog von einer solchen Untersuchung gelesen habe, kann die Quelle aber jetzt leider nicht mehr finden. Man kann es sich aber auch denken: Je breiter man streut, desto weniger fällt ein Totalausfall, den man ja an der Börse nie ganz ausschließen kann, ins Gewicht. Aber wenn man so viele Einzelwerte hat, dass man kaum noch mit ihrer Beobachtung hinterher kommt, oder viel schlimmer: dass darunter die Sorgfalt bei ihrer Auswahl leidet, dann bringt die Streuung natürlich nichts.

Ich halte derzeit 11 Titel. Gottfried Heller, der mir auch immer sehr gefallen hat, sagt gerne: Ein gutes Depot muss aufgestellt sein wie eine Fußballmannschaft. Mit starker Defensive, die für Stabilität sorgt, einem breiten Mittelfeld und zwei bis drei Sturmspitzen. Die letzteren können viele Tore schießen, aber auch mal ein Totalausfall sein. 😉 Bei größeren Depotsummen halte ich etwa 20 Werte für perfekt, das wäre dann eine Fußballmannschaft mit allen Reservespielern.

b.m.

Als Jurist befragt: welche Implikationen hat Deiner Meinung nach die jüngste Kehrtwende des BGH in seiner Entscheidung am 8.10.2013 betreffend Delisting und Downlisting (Geschäftszahl II ZB 26/12)?

T.C.

Darauf bin ich auch erst durch Deinen Artikel aufmerksam geworden. Im Wertpapierrecht kenne ich mich aber zu wenig aus, um das fachjuristisch kommentieren zu können. Verfassungsrechtlich kann man das sicherlich als Eingriff in das Grundrecht auf Eigentum bedenklich finden. Andererseits sollte einem als Anleger schon klar sein, dass unseriöse Unternehmen immer einen Weg finden werden, wie sie ihre gutgläubigen Investoren über den Tisch ziehen können, ohne dass einen der Rechtsstaat vollständig davor schützen könnte. Deswegen sollte man besser nur in Firmen investieren, denen man vertraut, weil sie sich in der Vergangenheit auch immer als vertrauenswürdig erwiesen haben. Ein Restrisiko bleibt sicherlich immer, aber damit lässt sich leben.

b.m.

Schonungslose Ehrlichkeit erbeten: Wie oft gibst Du dem Impuls nach, auf Dein Portfolio zu schauen und seine Wertänderung zu verfolgen?

T.C.

Normalerweise einmal am Tag, immer abends. In Marktphasen, in denen die Kurse rasant steigen, gucke ich aber auch gerne mehrmals am Tag ins Depot und gönne mir die Freude. Es spricht ja nichts dagegen, sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Und was gibt es Angenehmeres als angenehme Gedanken? Im Gegensatz zu anderen angenehmen Dingen im Leben kosten die ja nichts!

In Marktphasen, in denen es rasant abwärts geht, sehe ich mir das Depot dafür manchmal tage- oder wochenlang nicht an. Warum sollte man sich auch über die schlechten Kurse ärgern? Wenn schon, dann sondiere ich in solchen Phasen intensiv die Märkte und suche nach Schnäppchen. Wenn man dafür aber keine Liqidität mehr hat, dann muss man die Schwächephase eben aussitzen.

b.m.

Wann hat für Dich das Interesse an Aktien begonnen? Was war die erste Aktie, die Du gekauft hast?

T.C.

Es ist immer ein großer Vorteil an der Börse, wenn man ein sparsamer Mensch ist, denn nur dann kann immer frisches Geld ins Depot fließen, auch wenn die Beträge noch so klein sind. Auf einer Klassenfahrt in der Schule habe ich mal als einziger mehr Geld wieder mit nach Hause gebracht, als ich mitgenommen hatte, weil ich nicht nur nichts ausgegeben, sondern zwischenzeitlich noch zwei unterwegs gefundene Pfandflaschen abgegeben hatte. Später im Zivildienst und im Studium habe ich immer einen Teil meiner Einkünfte zur Seite gelegt. Damals bekam man für Festgelder noch vier Prozent. Allerdings hab ich mich damals nie für Wirtschaft oder Börse interessiert. Dann kam der Börsenboom der späten 90er. Immer wieder hörte man von Kommilitonen, die mit kleinem Einsatz riesige Summen an der Börse verdient hatten. Und das waren oft gar nicht so die Hellsten… Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich so wenig Ahnung hatte und mit meinen vergleichsweise mickrigen Festgeldern Vorlieb nehmen musste. So begann ich, die Börse einige Monate lang zu beobachten. Auf einer Party prahlte ein Kommilitone, er habe gerade seine Telekom-Aktien für das Fünffache seines Einstandswertes verkauft. Da meinte eine Bekannte: „Mann, bist du blöd. Die hätte ich dir zu dem Preis aber sofort abgekauft.“ (Die Telekom-Aktie stand damals bei etwa 90 Euro.) Diese Bekannte riet mir auch, Deutsche Bank-Aktien zu kaufen. Die standen damals bei etwa 65 Euro. Mit denen könne man nun absolut nichts verkehrt machen. Und darüber hinaus sei die Commerzbank besonders zu empfehlen… Ich ließ mich bei meiner Bank beraten und investierte im April 2000 knapp ein Drittel meines damaligen Vermögens in verschiedene Aktien, darunter auch in solche der Deutschen Bank und des Neuen Marktes. Ein paar Monate später hatten sich die Kurse halbiert – und das sollte erst der Anfang sein.

Aus heutiger Sicht war das für mich eine sehr heilsame Erfahrung. Ein Soziologie-Professor in Speyer, wo ich Ende 2000 ein Semester an der Hochschule für Verwaltungswissenschaft verbrachte, erklärte uns sinngemäß, dass die Börse nur dazu gemacht sei, den kleinen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich hörte dort aber auch eine Einführungs-Vorlesung in Volkswirtschaft, wo der Professor sehr anschaulich erklärte, wie Märkte funktionieren und warum es immer Überinvestitionskrisen gibt u.s.w. Ich beschloss, mich näher mit Wirtschaft und Börse zu beschäftigen, um mir das in so kurzer Zeit verlorene Geld vielleicht irgendwann wieder zurückzuverdienen. Im Internet las ich auf einer Seite, die bald darauf eingestellt wurde, sehr viel über Value Investing und Unternehmensbewertung. Im Frühling 2001 verkaufte ich alle meine Positionen mit großem Verlust und kaufte stattdessen Werte, die ich mir selbst mit Verstand ausgesucht hatte: kleine aussichtsreiche deutsche Nebenwerte mit niedriger Bewertung. Als es dann bis März 2003 noch immer weiter abwärts ging, hielt ich durch (immerhin!), aber leider fehlte mir der Mut, auf diesem Niveau noch einmal richtig nachzukaufen. So dauerte es noch bis Ende 2004, bis ich meine Verluste wieder aufgeholt hatte. Erst dann kaufte ich wieder nach (natürlich schon wieder etwas zu teuer, aber langfristig gesehen war es noch in Ordnung). Beim nächsten Crash 2008/09 rutschte ich noch einmal vorübergehend ins Minus, aber da erkannte ich glücklicherweise, welche großartige Chance sich nun bot, und investierte alle Rücklagen, die ich hatte, in Qualitätsaktien zu Spottpreisen. Wahrscheinlich werden wir eine solche Gelegenheit wie Anfang 2009, als der DAX bei 3.300 Punkten notierte, in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr bekommen. Aber Rücksetzer und Korrekturen, in denen es sich lohnt, beherzt zuzugreifen, wird es immer geben.

b.m.

Zum Schluss noch: Welche Ziele hast Du Dir für Deine finanzielle Zukunft gesetzt?

T.C.

Ich bin ja nur ein kleiner, bescheidener Freiberufler mit niedriger Rentenerwartung. Daher ist mein erklärtes Ziel als Anleger die Sicherung meiner Unabhängigkeit von staatlichen Transferzahlungen bis ins hohe Alter. Kostolany hat immer gesagt: Nicht reich muss man sein, sondern unabhängig. Das finde ich auch. Er hat aber auch noch gesagt, er habe als Aktionär immer ein gutes Leben führen können, und er meine damit nicht „das gute Leben eines Schotten“. Doch genau dieses „gute Leben eines Schotten“ gefällt mir eigentlich ganz gut. Denn wie sagte Seneca: „Reich nenne ich den, der arm ist an Begierden.“

 

interview claer

Börsen-Buchautor Thomas Claer

www.thomas-claer.de

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