Breaking a habit – Chartanalyse der Semperit AG

Fundamentalanalysten versus Charttechniker… Oftmals erachtet man die beiden Lager so konträr wie Tag und Nacht, wie Pech und Schwefel. Es mag nicht wenige hartgesottene und alteingesessene Valueinvestoren geben, die – wenn sie auf Charttechnik angesprochen werden – eher milde belächelnd abwinken und sich sofort wieder in irgendeinen dreihundert Seiten langen Geschäftsbericht vertiefen und dabei fast auf die Nahrungsaufnahme vergessen. Ehrlich gesagt nehme ich mich von dieser „Teilmenge“ bis zu einem gewissen Grad auch nicht aus – zumindestens war das bisher so – und senke nun ob dieser offensichtlichen Intoleranz beschämt mein Haupt. Ist kategorische Ablehnung ohne tiefere Beschäftigung mit der fraglichen Materie ein sinnvoller Weg? Wohl kaum, weshalb ich mich in Bezug auf das bargain-Magazine gerne zu einem vermeintlichen Tabubruch hinreißen lassen möchte und den Versuch starten werde, von Zeit zu Zeit charttechnischen Content zu veröffentlichen. Letztendlich soll es jedem selbst überlassen bleiben, ob er diese Methodik seinem Repertoire hinzufügt oder nicht, jedoch wäre es wohl die dümmste Option, sich dagegen zu entscheiden, bevor man sich damit überhaupt beschäftigt hat.

Um nicht die mittlerweile wirklich treue Leserschaft mit meinen eigenen stümperhaften Erstlingsversuchen zu vergraulen, habe ich den Charttechniker Anthean, der im Börse-Express aktiv ist, dazu überreden können, einen kurzen Gastartikel zur momentanen charttechnischen Situation bei der Semperit AG, (einem in der Gummiindustrie tätigen Unternehmen, das… halt – genug Fundamentales…), zu verfassen.

Ich hoffe wirklich auf eine rege Diskussion im Anschluss an den Artikel, sowohl zu dem Inhalt der Analyse wie auch über Eure Meinungen zur Vereinbarkeit und gewissermaßen den Synergieeffekten, die zwischen technischem und fundamentalem Ansatz bestehen könnten.

(Beginn des Gastbeitrages)

 

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Im Bild der Candlestick-Tageschart von Semperit. Wie man erkennen kann, gibt es seit Juli 2013 einen Aufwärtstrend, seit Dezember 2013 hielt sich die Aktie dann an eine markante Trendlinie (gelb), die mehrfach getestet wurde. Bei dieser sind wir heute wieder angekommen. Es bleibt abzuwarten, ob die 37 hält und der Kurs hier konsolidiert, oder ob wir die Unterstützung bei 35 noch testen. MMn ist auch eine mögliche (atypische) SKS (Schulter-Kopf-Schulter)-Formation im Spiel, deren Nackenlinie besagte Trendlinie ist. Für gewöhnlich führt der Bruch einer solchen Nackenlinie zu einem weiteren Absinken der Kurse, in etwa vom Ausmaß des Abstandes der Nackenlinie (36,40) zum Hoch des Kopfes (46,40), somit zu einem Kursziel von 26 – 27€. Als Bruch gilt für mich ein Tagesschlußkurs unter der Trendlinie. Dieser ist meist gefolgt von weiteren Abverkäufen am Folgetag. Im Idealfall (für den Trader) gibt es danach noch einen Re-Test der Trendlinie von unten, die dann als Widerstand fungieren sollte und sich als Bestätigung und als idealer Einstiegspunkt für einen Short anbietet (sofern man nicht schon beim ersten Bruch eingestiegen ist). Sollte die Aktie die nächsten Tage mit gutem Volumen rund um 37 konsolidieren, dann könnte sich dies als Long-Einstieg eignen. Dies würde ich aber nicht wagen, bevor zumindest (rasch, nicht in einer langsamen Aufwärtsbewegung) die 38 wiedererobert ist.

Für Diskussionen über Chart-Interpretation oder offensichtliche Fehler in der Analyse bitte die Kommentarfunktion benutzen.

20 Kommentare Breaking a habit – Chartanalyse der Semperit AG

  1. Moritz

    Für eine Sekunde ist mir das Herz stehen geblieben, als ich die Überschrift gelesen habe. Aber du hast Recht: Verurteile erst nach der Beurteilung!
    Also woher genau nehmen Chartanalysten ihre Berechtigung? Zu 95% dürfte die Antwort sein, dass nach der EMH bereits alle relevanten News sowie Fundamentales schon eingepreist ist. Diese Aussage wiederum behauptet doch tatsächlich, dass der Gesamtmarkt IMMER (und hier liegt die Betonung) und zu jeder Zeit Risiken und Renditen adäquat bepreist. Außerdem finde ich es persönlich belustigend, wenn Chartanalysten selbst keine Fundamentalanalyse erstellen, aber gleichzeitig behaupten alle „fundamentals“ wären im Kurs eingepreist. Vice versa heißt das, dass Chartanalysten auf Fundis bauen und sich selbst lieber „den höheren Künsten“ zuwenden, gleichzeitig Fundamentalanalysten aber kein Stück auf Chartis angewiesen sind.
    Gehen wir einen Schritt weiter:
    Selbst als Fundamentalinvestor gestehe ich den Märkten über lange Zeiträume sowieso, aber auch über kurze Zeiträume ein, in 99% aller Fälle die Lage korrekt zu bewerten. Daraus und der Unvorhersehbarkeit der Zukunft resultiert für mich, sich einen kostengünstigen ETF anzuschaffen und über die Jahre Freude an Zeitersparnis bei der Geldanlage und einem durchdachten Vermögensaufbau zu haben.
    Wieso sollte ich statt dessen zusätzlich zu dem 1% Risiko noch weitere Kosten in Form von Gebühren für den Handel, mehr Zeitaufwand und das Unbehagen der Verlustserie auf mich nehmen?
    Einzige Begründung (böse Finger würden es „Ausrede“ nennen) für die Chartanalyse wäre für mich ein entstehender „Kick“ oder unheimlich viel Spaß.
    Da beides für mich nicht zutrifft, suche ich Spaß und den „Kick“ in der Fundamentalanalyse.
    Eine Alternative dazu wäre für mich nur noch eine Psychoanalyse zu volkswirtschaftlichen Themen, welche Wahrscheinlichkeiten für das Eintreten zukünftiger Szenarien, daraus resultierende Anlegerbewegungen und durchschnittliche Gewinne oder Verluste der Märkte berücksichtigt und daraus Entscheidungs- und Anlagemodelle entwickelt. Aber das Genie, das den irrationalen Menschen und seine Handlungen vorhersagen kann, ist noch nicht geboren.
    Mein (zugegebenermaßen in den meisten Fällen falsches) Bild eines Chartanalysten ist ein hemdsärmeliger Anzugträger, mit dickem Auto und der ständigen Angst bedeutende Marktbewegungen zu verpassen. Zur Analyse des Unternehmens und damit des fairen Kurses einer Aktie benötigt er nicht einmal den Namen des Unternehmens, sondern nur den Chart.
    Trotz allem finde ich die Diskussion wichtig: Man sollte begründen können, warum man etwas für unsinnig hält.

    Nicht böse gemeint, Anthean, danke für die Analyse.

    Gruß
    Moritz, überzeugter Fundi

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    1. Anthean

      Hi Moritz, danke für die Antwort !

      Kein Problem, ich verstehe ja die Vorbehalte der Fundis. Für jemanden, der sich intensiv mit den Unternehmen auseinandersetzt, muß der reine Blick auf den Chart wahrscheinlich wie Esoterik o.ä wirken. Tatsächlich baut die CT aber genauso auf Zahlen auf, wie Fundamentals. Es geht – nach dem Erkennen von Formationen – um Wahrscheinlichkeiten, daß diese zum gewünschten Ziel führen (siehe dazu zb Bulkowskis statistische Untersuchungen). Diese Wahrscheinlichkeiten ergeben sich zum Teil daraus, daß es außer dem Analysten viele andere Menschen gibt, die nach genau den gleichen Formationen suchen, und danach handeln (quasi self-fulfilling-prophecy). Des weiteren gibt es Tradingprogramme, die rein auf CT aufbauen, und zumindest im kurzfristigen Handel den überwiegenden Teil der Umsätze ausmachen.

      Dem Profi in der CT reicht, je nach Methode, oft ein schneller Blick auf einen Chart um zu erkennen, ob es einen dem vorgebenen Chance-Risiko-Verhältnis entsprechenden Einstiegspunkt gibt. Davor hat er wahrscheinlich schon ein Filterprogramm verwendet, das auf seine Eckdaten zugeschnitten ist.
      Für Daytrader gibt es keinen Weg vorbei an der CT. In den letzten Jahren waren Daytrader auf Grund der minimalen Intradayschwankungen sicher benachteiligt, aber zb 2007/8/9 konnte man damit im Vergleich zu buy-and-hold besser verdienen. Und natürlich kann man damit weit mehr als nur die Indexperformance erwirtschaften (2008 lag ich zB weit über 100%).

      Die Aussage, daß im Chart alle News eingepreist sind, kenne ich v.a. von Elliot-Wavern. Mit dieser Methode konnte ich mich nie anfreunden (viel zu kompliziert), sie hat aber viele Anhänger. Ich beachte natürlich die Markonews (NFP, Zinsentscheidungen, ZEW). Sollte es zu einer Aktie unvorhergesehene News geben, dann gibts ja wie für die Fundis den Stop.
      Ansonsten gehts wie schon beschrieben um Wahrscheinlichkeiten und vor allem um viel persönliche Erfahrung. Nicht jeder Trader kann mit jeder Methode erfolgreich werden, ganz im Gegenteil.

      Im Endeffekt haben beide Methoden ihre Risiken, aber auch ihre Berechtigung. Sonst dürfte ja niemand die CT verfolgen, wenn er mit einem arbeitsfreien ETF oder mit rein fundamentalen Analysen mehr verdienen würde. Ich kann zumindest Dein Bild revidieren: ich trage weder Anzug noch fahre ich ein dickes Auto 😉

      LG

      Anthean

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  2. Daniel

    @Moritz

    auch von meiner Seite ein großes Dankeschön für das Feedback zu unserem „kleinen Versuch“.

    Was die Effizienzmarkthypothese betrifft, so möchte ich hinzufügen, dass es hier verschiedene Abstufungen gibt, nicht jede Ausprägung oder Weiterentwicklung davon (wie bspw. der Random Walk) behaupten, alles sei immer bereits eingepreist. Falls Dich diese Dinge interessieren, kann ich Dir den youtube-Channel von Aswath Damodaran, einem indischstämmigen finance-Professor empfehlen, der sich auch mit Investments beschäftigt.

    http://www.youtube.com/channel/UCLvnJL8htRR1T9cbSccaoVw

    Das ist der Link zu seinem Youtube-Channel, in unserem Zusammenhang seien vor allem die Sessions 6 bis 8 besonders spannend. Überhaupt ist dieser Kerl einer der Schlauesten, die mir bisher virtuell untergekommen sind.

    Ad Indexfonds und Kick: Diese sind sicherlich für viele eine Alternative – insbesondere, wenn man nicht soviel Zeit aufwenden kann/will. Sobald man entsprechend viele zeitliche Ressourcen freimachen kann, denke ich aber dass einerseits eine kleine Überrendite möglich ist und andererseits das aktive Aussuchen von Einzeltiteln gemeinsam mit den Lerneffekten für viele Bereiche des Lebens Spaß machen kann. Das gilt glaube ich aber für Techniker genauso wie für Fundis.

    @Anthean

    Nachdem Du das von Moritz so treffend beschriebene Bild über Dich gnadenlos revidiert hast, bricht für mich jetzt gerade eine Welt zusammen 😛

    Spaß beiseite: Was wäre Deiner Meinung nach ein sinnvolles Buch als Einstiegswerk in diese Materie? Ich kann mir vorstellen, dass hier relativ viel Scharlatanerie betrieben und verkauft wird (soll jetzt nicht heißen, dass im Value Sektor nur Nobelpreisverdächtiges zu haben ist).

    Wie denkst Du über potenzielle Kombinationsmöglichkeiten von Charttechnik und Value Investing? Meinst Du, dass sowas sinnvollerweise funktionieren könnte? Ich persönlich kann mir vorstellen, dass eine grundsätzliche Auswahl der Aktien nach „konventionellen“ Value-Kriterien mit nachfolgender Optimierung der Kauf- und Verkaufszeitpunkte mit Chartanalyse eigentlich klappen müsste.

    Ich würde jetzt persönlich nie soweit gehen und eine Aktie nur deshalb kaufen, weil das Chartbild gut aussieht – das widerspricht eben meiner Logik, die dem Grundsatz entspringt, dass ich Unternehmensanteile erwerbe. Allerdings: wenn die Entscheidung dem Grunde nach schon gefallen ist, dass ich ein Unternehmen haben möchte und ich Schritt für Schritt eine Position aufbauen will, denke ich schon, dass hier Optimierungspotenzial da ist. Sobald man in 51 von 100 Fällen richtig liegt, müsste es ja eigentlich was gebracht haben.

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    1. Anthean

      @ Bücher: einer der Klassiker ist wohl John J Murphy’s „Technische Analyse der Finanzmärkte“. Wenn man sich für die oben beschriebenen Wahrscheinlichkeiten interessiert, dann ist Thomas Bulkowski die richtige Adresse, „Enzyklopädie der Candlesticks“, oder auch seine (optisch etwas abschreckende“ website thepatternsite.com

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    2. Anthean

      Kombination: natürlich bietet sich diese grade bei Aktien an, in der von Dir beschriebenen Form (Optimierung des Einstiegspunktes). Grade in turbulenten Zeiten wie 2008/9, als manche Aktien weit unter jedes fundamental-logische Level gefallen sind (Voest bei 9, EBS bei 6), kann die CT diesbezüglich helfen. Auch wenn den meisten Tradern klar ist, daß man im Normalfall den perfekten Einstieg nicht erwischt. so kann es bei täglichen Schwankungen von 10% und mehr schon einiges ausmachen, ob man noch abwartet oder schon einsteigt, weil man eine Umkehrformation erkannt hat (wie im März 2009 im Dow, wenn ich mich richtig erinnere).

      Es macht natürlich keinen Sinn etwas zu tun, was Deiner Natur widerspricht (ich zb tue mir schwer, Aktien oder Devisenpositionen über lange Zeit zu halten). Wenn Du mit Deinem Vorgehen erfolgreich bist dann bleib dabei. Vlt das ein oder andere aus der Welt der CT hinzufügen, aber mehr würde ich nicht ändern.

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      1. Daniel

        @Moritz
        Sicherlich, jedem das Seine :-)

        Was mir zu dem Thema einfällt: ich hatte mal vor zwei Jahren das Privileg, mit Prof. Otte im Rahmen einer Univeranstaltung in Graz Steak essen zu gehen. Damals fiel auch das Thema Charttechnik und es hat mich zum damaligen Zeitpunkt fast persönlich beleidigt als er meinte, er könne sich theoretisch schon vorstellen auch Charttechnik als Zusatzwerkzeug in seinen Fonds zu verwenden, aber er kenne niemanden der erwiesenermaßen das Zeug dazu hätte.

        Je länger ich über das Thema nachdenke, desto mehr kann ich allerdings nachvollziehen, warum er das damals gesagt hat.

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  3. Marfir

    Chartanalyse ist ein Irrweg. Die Neuroökonomie hat gezeigt, dass der Mensch zwanghaft nach Mustern sucht, auch dort wo keine sind. Alle Chartanalysen sind vage und wenn diese einmal total daneben war, erklären die Analysten warum sie trotzdem richtig lagen.
    Es gibt keinen Zusammenhang zwischen vergangenen und zukünftigen Kursen. Irgend welche Muster zu finden ist reines Wunschdenken. Funktionieren könnte es höchstens, wenn sich alle Marktteilnehmer danach richten.

    Einen optimalen Einstiegspunkt zu finden ist bei Value Investing doch auch Blödsinn. Entweder das Unternehmen ist günstig und man kauft, oder man lässt es. Wenn der Kurs nach dem Kauf fällt, kann man sich freuen und nachkaufen.
    Nach ungefähren Prognosen zu handeln und zu hoffen das diese zufällig eintreten ist dumm.

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    1. Daniel Koinegg

      @Marfir: Danke für Dein feedback.

      Ich möchte nur zum Kritikpunkt der Vagheit Stellung beziehen, die anderen Aspekte kann ich nicht gut genug beurteilen.

      Aus meiner Sicht ist auch eine Unternehmensbewertung, die ein Value Investor vornimmt vage und man liegt – gerade bei Discounted Cashflow Models – sehr oft daneben. Von daher kann man das mE nicht den Charttechnikern vorwerfen, dass sie ebenfalls mit relativ groben bzw ungenauen Schätzungen arbeiten.

      Reply
      1. Marfir

        Hallo Daniel,

        es gibt einen Unterschied zwischen eingebildetem Wissen und tatsächlichem. Wenn ich z. B. einfach glaube dass Unternehmen x im Nahrungsmittelbereich ein stabiles Geschäftsmodell hat und dann mit einer Formel mir die zukünftigen Gewinne aus rechne, dann ist das eingebildetes Wissen. Die Prognose der zukünftigen Gewinne wird umso besser, umso mehr man sein „Wissen“ hinterfragt. Irgend wann gelangt man dann an einen Punkt wo man sich eingestehen muss, dass man seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Warren Buffet kauft nur das was er verstanden hat. Und das ist mehr als der normale Anleger über seine eigenen Aktien zu wissen glaubt. Ich lese viele Analysen von Value Investoren auf diversen Seiten und meistens wird leider nur eine oberflächliche Gutenachtgeschichte pupliziert.

        Vage bleibt in gewissen teilen auch das Value Investing. Aber nicht so sehr wie die Charttechnik. Deshalb kauft man nur bei einer entsprechenden Sicherheitsmarge. Wo genau ist die bei der Charttechnik? Charttechnik basiert nur auf dem Kurs und nicht auf dem Unternehmenswert. Es gibt kein Naturgesetz dass besagt wie sich Kurse verhalten. Anleger verhalten sich teilweise irrational. Wie soll man das in vorhersagbare Kursmuster gießen? Wo ist der Sinn in Kurse anstatt in Unternehmen zu investieren?

        Selbst in Verbindung mit Value Investing ist es fraglich ob das funktionieren würde. Als Value Investor kauft & verkauft man ja meist zu früh. Lässt man Charttechnik mit einfließen, verschiebt sich das „Fenster“ vielleicht etwas zu den ungunsten. Also zu spät gekauft weil man noch die Kreuzung des GD200 abwarten wollte und zu früh verkauft, weil der dann gleich wieder durchbrochen wurde. Und wer gibt hier den Ausschlag? Verkaufe ich weil das der Chart sagt oder weil das Unternehmen fair bewertet ist? Das erscheint mir wie ein zusätzlicher Zielkonflikt den ich nicht brauche.

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    2. Anthean

      Hi Marfir,

      Daniel hat ja schon einen ersten Einwand gebracht. Ein weiterer betrifft die Zahlen des Unternehmens selbst: wer weiß zu 100%, ob sie stimmen oder ob das Unternehmen nicht vlt etwas verheimlicht oder Schlimmeres der Fall ist. Wer weiß, ob bestimmte Gewinnerwartungen eintreffen, ob neue Geschäftsfelder so einschlagen wie man erhofft. Auch hier arbeitet man mit Wahrscheinlichkeiten. Denn ob ein Unternehmen günstig ist, liegt im Auge des Betrachters 😉

      Würde die CT nicht funktionieren, dann müßten alle computergestützten Tradingprogramme weltweit Verluste produzieren bzw dürfte es sie schon längst nicht mehr geben. Des weiteren gibt es Untersuchungen zur Wahrscheinlichkeit von Formationen, wie oben schon angeführt. Und es kommt die Erfahrung dazu. Ich habe ne Zeit lang den blog eines Amerikaners verfolgt, der nur S&P futures getradet hat und dort nur eine handvoll Formationen in sehr kurzfristigen Zeitfenstern beachtet hat, und das als Globebtrotter von allen möglichen Plätzen der Welt. Wenn man sich spezialisiert auf bestimmte Instrumente, dann reicht das aus. Es gibt natürlich auch diejenigen, die nur Tagescharts beachten und dort in vorher gefilterten Aktiencharts nach Formationen suchen. Auch das funktioniert.

      Mich würde da dann interessieren, wie die Neuroökonomie diese Erfolge erklärt, die es ja nicht geben dürfte.

      Reply
      1. Marfir

        Hallo Anthean,

        da sich die Zukunft nicht vorhersagen lässt haben auch Value Investoren ein gewisses Problem damit. Kompensiert wird es durch eine fundierte Analyse des Unternehmens, des Marktes und einer Sicherheitsmarge. Wo ist das Äquivalent bei der Charttechnik?
        Warum sollte man seine Zeit verschwenden und über mögliche Kursmuster nachdenken, anstatt über Unternehmen?

        Auf Grund der Komplexität des Marktes kann CT genauso wie jeder andere Irrweg teilweise bzw. zeitlich befristet funktionieren. In einer langen Hause werden wohl alle Investmentstrategien positiv abschneiden (positiv im Sinne eines steigenden Portfolios). Hat man einen kurzen Anlagehorizont und keine Lust auf Lesen, dann bietet CT sicher einen Ausweg. Value Investing bietet zwar auch einfache Regeln an, aber die Umsetzung ist weit aus komplizierter als bei der CT.
        Temporäre Erfolge sind genauso wenig ein Beweis dass es (dauerhaft) funktioniert, wie das Argument dass es Leute gibt die soetwas machen. Es gibt auch zuhaufen Leute die dir versprechen, dass du mit ihrem Börsenbrief reich wirst. CT kommt da natürlich auch zum Einsatz.

        Zurück zur Neuroökonomie:
        Vorkommen kann alles. Erfolg kann zufällig eintreten, ohne das damit bewiesen wäre, dass eine Strategie funktioniert. Meine aller erste Aktie war für mich auch ein Erfolg, obwohl ich keine Ahnung von Börse hatte. Ich hatte keine Strategie, sondern nur eine Idee. Wie bereits weiter oben erwähnt kann eine lange Hause auch zu vielen Erfolgen führen.

        Zweitens ist es fraglich ob jemand, der mit CT oder einer anderen Strategie gescheitert ist, dies veröffentlichen würde. Genau genommen erfahren wir doch nur von Erfolgen (Warren Buffet z. B.), was die Wahrnehmung und Einstellung verzerrt.

        Drittens kenne ich keine Studie wo mit statistischer Signifikanz bewiesen wurde, dass CT funktioniert. Der Nachweis für Value Investing könnte ebenfalls schwierig zu erbringen sein. Aber nehmen wir einfach die Überperformance im Vergleich zu einem Index (z. B. S&P500). Welche berühmten Charttechniker können eine Überperformance erreichen?

        Und der letzte Punkt:
        Wenn man fest daran glaubt ist alles möglich, denn Miserfolge werden dann automatisch ausgeblendet/geschöhnt. Das kann man auch bei Value Investoren bemerken. Sobald man investiert hat ändert sich die unbewusste Wahrnehmung des Unternehmens (es werden vorwiegend positive Nachrichten konsumiert und negative Nachrichten ignoriert/positiv interpretiert.

        Es gibt noch mehr Aspekte aber das soll es erst einmal gewesen sein.

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        1. Anthean

          Hallo Marfir !

          „Warum sollte man seine Zeit verschwenden und über mögliche Kursmuster nachdenken, anstatt über Unternehmen?“
          Zum Beispiel weil man in der gleichen Zeit, wo ein Fundamentalist ein Unternehmen durchleuchtet, hunderte Charts nach möglichen Einstiegen scannen kann.

          „Auf Grund der Komplexität des Marktes kann CT genauso wie jeder andere Irrweg teilweise bzw. zeitlich befristet funktionieren.“
          Natürlich muß man seinen Tradingstil dem Markt anpassen, keine Charttechnik funktioniert auf ewig. Genauso gibt ja auch Kennzahlen in der Fundamentalanalyse, die mal mehr und mal weniger wichtig sind. Auch wenn ich momentan nicht mehr den Erfolg wie in turbulenten Zeiten hatte, so habe ich dennoch seit Längerem am Ende des Jahres ein Plus stehen (und auch nur sehr wenige Negative Monate). Da ich nicht davon ausgehe, besonders intelligent zu sein, nehme ich an, daß das auch anderen gelingt :)

          „Vorkommen kann alles. Erfolg kann zufällig eintreten, ohne das damit bewiesen wäre, dass eine Strategie funktioniert.“
          Das Gleiche könnte ich über die Fundamentalanalyse sagen. Es gibt auch dort zahlreiche Variablen, die einen Erfolg ein Mal eintreten lassen, und ein anderes Mal nicht. Was zählt ist der langfristige Erfolg, und den kann man sehr wohl auch bei CT nachweisen. Wie gesagt, Anpassungen sind in jedem Tradingstil notwendig. Wenn man Formationen falsch interpretiert dann ist das so, wie wenn man bei der Berechnung einer Kennzahl einen Wert vergißt oder sonst einen Fehler macht. Mit der Zeit und Erfahrung lernt man.

          „Zweitens ist es fraglich ob jemand, der mit CT oder einer anderen Strategie gescheitert ist, dies veröffentlichen würde.“
          Ist finde ich irrelevant, da immer nur die Sieger gezeigt werden, egal welche Methode man verwendet.

          „Drittens kenne ich keine Studie wo mit statistischer Signifikanz bewiesen wurde, dass CT funktioniert.“
          Da verweise ich wieder auf Bulkowski, der aus tausenden Charts bestimmte Formationen untersucht und deren Erfolgswahrscheinlichkeit berechnet hat. Wohl eine der umfangreichsten Untersuchungen im Bereich Börse.

          „Wenn man fest daran glaubt ist alles möglich, denn Miserfolge werden dann automatisch ausgeblendet/geschöhnt.“

          Da sprichst Du vom berühmten Commitment. Auch dieses ist wieder unabhängig von der Methode möglich, und der Trader wird damit zu 100% (früher oder später) pleite sein und die Sache aufgeben.

          „Temporäre Erfolge sind genauso wenig ein Beweis dass es (dauerhaft) funktioniert, wie das Argument dass es Leute gibt die soetwas machen.“
          Das mag schon sein, aber dann dürfte es in Banken, Fonds und sonstigen Finanzunternehmen gar keine CT mehr geben, denn wenn sie sich auf welchem Zeitfenster auch immer als unfähig erwiesen hat, dann würde es schlichtweg keine Software mehr geben, die sie nutzen würde. Langfristig ist niemand seines Geldes Feind.
          Auch die Fundamentalanalyse funktioniert nur dauerhaft wenn man einen sehr langen Atem hat (wenn man zb Ende 2008 bei den fallenden Kurse kauft und die längst weit unterbewertetetn Unternehmen weiter fallen und fallen (ich erinnere an EBS bei 6 und Voest bei 9).

          Schönes Wochenende !

        2. Marfir

          „Auch wenn ich momentan nicht mehr den Erfolg wie in turbulenten Zeiten hatte, so habe ich dennoch seit Längerem am Ende des Jahres ein Plus stehen (und auch nur sehr wenige Negative Monate).“

          Woran mag das wohl liegen? Vielleicht waren deine Käufe in turbulenten Zeiten „zufällig“ auch echte Value Investments, d. h. CT hatte gar nichts damit zu tun, dass du damit Gewinn gemacht hast. Und die aktuelle Hause läuft ja schon lange. Wie bereits gesagt, da kann jede Strategie zum Erfolg führen, solange man nur etwas abwartet.

          Das mit der Erfahrung scheint auch nicht ganz so ausschlaggebend zu sein. Du hast jetzt mehr Erfahrung, bist aber weniger erfolgreich? Vielleicht hängt es eher mit der ambitionierten Bewertung der Märkte zusammen, dass so langsam die Luft nach oben hin dünn wird?

          Sei mir nicht böse, aber ich bleibe dann doch lieber bei der Fundamentalanalyse.

          Aber eines interessiert mich noch. Gehst du bei deinen CT Analysen immer nur long oder shortest du auch?

  4. Anthean

    Hi Marfir,

    ich wollte Dich ja auch nicht davon überzeugen, daß Du CT’ler wirst, aber Deine Aussage, daß dieser Weg ein Irrtm ist, fand ich etwas übertrieben 😉

    Ich shorte natürlich auch, was jedoch auch ein Fundamentalist machen kann, wenn er meint, ein Unternehmen ist total überbewertet.

    Warum ich aktuell weniger erfolgreich bin liegt zum einen am Markt (es bewegt sich wenig, im Vergleich zu den turbulenten Zeiten), zum Anderen an meinen zeitlichen Möglichkeiten.

    Erfahrung heißt ja nicht, daß man immer mehr verdient. Man hat immer ups and downs, das wird mir wohl jeder bestätigen. Die Fehler nehmen aber ab, das ist das Entscheidende.

    Reply
    1. Marfir

      @Anthean,

      ich habe schon genug CT-„Analysen“ gesehen, wo nur herumgeraten wird. Und da fast niemand mit seinen Prognosen richtig lag, wird nachher immer kräftig erklärt wieso die XY Formation sich doch als Z-Formation entpupt hat. Wahrsagerei auf Basis von zufälligen commitments einer neurotischen Masse kann nur ein Irrweg sein. Wenn sich alle an die CT halten würden, wäre das vielleicht anders. Aber bis dahin kann das einfach nicht funktionieren.
      Schau dir einfach mal die ganzen Prognosen zum Goldpreis an. Ich habe noch keine gefunden wo ein CTler richtig lag.

      Die Tatsache das einige Banken und Hedgefonds auf so ein Zeug abfahren ist für mich eher ein Beweis, dass es nicht funktioniert. Dort zählt nur das schnelle Geld und tolle neue Produkte, die man dem Kunden aufschwatzen kann.

      Es bewegt sich wenig??? K+S, Südzucker und Co sind abgestürzt. Salzgitter macht stetig Berg- und Talfahrt. Gold- und Silberminen noch krasser. Die Chinabuden sind abgeraucht und ständig kommen neue AGs an die Börse. Da ist doch viel geboten für Spekulanten.

      Meine Erfahrung sagt mir Finger weg von CT. Nichts für ungut 😉

      Reply
  5. Thomas

    Der Artikel ist zwar schon älter, bietet dennoch einige viele Denkanstöße. Werde mir das ganze auch noch einmal ganz genau anschauen.

    Reply

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