Die Weltbank und das Öl

Die Weltbank lässt derzeit mit einem sehr „bearishen“ Szenario für den Ölpreis in absehbarer Zeit aufhorchen: durch die Rückkehr des Iran auf den Ölweltmarkt soll der Ölpreis im kommenden Jahr deutlich fallen. Man wird sogar relativ konkret und prognostiziert einen weiteren Rückgang von rund 10 US-Dollar pro Fass, wenn rund 1 Million Barrel zusätzlich in den Verkauf gelangen. Ein Anstieg des Angebotes um etwas mehr als 1 Prozent soll also zu einem Preisverfall von über 20 Prozent führen. Ich weiß nicht, wie man solche genauen Prognosen anstellen kann. Dazu fehlt mir der makroökonomische Background. Das Einzige, was ich als armer außenstehender Privatinvestor tun kann, ist, mir die Frage zu stellen, wie verlässlich Weltbankprognosen zum Ölpreis in der Vergangenheit waren. Damit könnte man sich überlegen, wie viel Gewicht man einem solch drastischen Statement beimisst, wenn man selbst relativ stark im Ölsegment investiert ist.

Zu diesem Zweck habe ich heute Nachmittag das virtuelle Archiv der Weltbank heimgesucht und habe folgendes gemacht: Für den Zeitraum 2006 bis 2013 habe ich in einem ersten Schritt die zum Jahresbeginn veröffentlichten Prognosen herausgesucht und mir den kurzfristigsten Forecast für das jeweilige Jahr herausgegriffen. Im Jänner 2006 habe ich also geschaut, welchen durchschnittlichen Ölpreis man für das aktuelle Gesamtjahr 2006 prognostiziert, im Jänner 2007 dasselbe Spiel für das Gesamtjahr 2007 und so weiter. Die Schätzungen, die im Jänner veröffentlicht wurden, basierten außerdem meist auf einer Einschätzung von Ende Oktober des Vorjahres. Der prognostizierte Wert ist übrigens ein Durchschnitt aus den unterschiedlichen Ölsorten. Das sind Forecasts auf Einjahressicht und aus meiner Sicht wahrscheinlich der noch am verlässlichsten durchführbare Teil. Wie ungenau längerfristigere Einschätzungen sein können, zeigt schon die folgende Einsicht: noch zu Beginn des Jahres 2005 hatte die Weltbank den Ölpreis im Jahr 2010 bei im Schnitt 26 USD pro Fass gesehen. Geworden sind es dann doch ein paar Kröten mehr, nämlich eine Bandbreite von 70 bis 90 USD pro Fass im WTI Öl.

In einem nächsten habe ich mir die tatsächlichen Tagesschlusskurse für WTI-Öl im jeweiligen Jahr aus finanzen.net herausgeholt und dort einen Durchschnitt berechnet. Dasselbe habe ich für Brent-Öl gemacht. Aus diesen beiden Ölsorten habe ich ebenfalls einen Durchschnitt berechnet und mit der Ölprognose der Weltbank gegenüber gestellt. Das Ergebnis sieht wie folgt aus:

Jahr 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013
Forecast (avg price crude) 56,00 56,00 84,00 74,00 76,00 85,00 98,00 102,00
Tatsächlicher Wert (WTI) 66,42 72,26 100,29 62,04 79,62 95,10 94,18 98,04
Tatsächlicher Wert (Brent) 66,25 72,66 98,53 62,67 80,34 110,81 111,68 108,62
Tatsächlich (Mittelwert) 66,33 72,46 99,41 62,36 79,98 102,96 102,93 103,33
Differenz absolut 10,33 16,46 15,41 -11,64 3,98 17,96 4,93 1,33
Differenz (%) 18% 29% 18% -16% 5% 21% 5% 1%

Die Bilanz ist gemischt. Manchmal lag die Prognose nur wenige Prozent von dem weg, was man vorhergesagt hat, manchmal lag man aber auch völlig daneben. Tendenziell lag man aber meistens zu tief. Das Jahr 2008 ist aus meiner Sicht angesichts der extrem schwankenden Rohstoffpreise im Zuge der Finanzkrise von beschränkter Aussagekraft.

Und was den jüngsten Preisverfall seit Herbst 2014 anbelangt, so sei angemerkt, dass die Weltbank in ihrem Statement von Mitte Oktober 2014 den durchschnittlichen Ölpreis für 2015 noch bei 95,7 USD je Barrel hatte. Die Verlässlichkeit einer solchen Institution bei der Abgabe selbst so kurzfristiger Schätzungen ist enden wollend, wenn auf einem Markt außergewöhnliche Verhältnisse vorherrschen. Und die haben wir derzeit am Ölmarkt definitiv.

Bitte verzeiht mir übrigens etwaige statistische bzw. recherchemäßige Ungenauigkeiten. Das bigger picture dieses Statements sollte sich deshalb aber nicht grob ändern.

Verwendete Quellen:

http://www.finanzen.net/nachricht/rohstoffe/Wegen-Atomabkommen-mit-Iran-Weltbank-Oelpreis-wird-deutlich-sinken-4470836 (Nachricht Weltbank forecast)

http://econ.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/EXTDEC/EXTDECPROSPECTS/0,,contentMDK:23494711~pagePK:64165401~piPK:64165026~theSitePK:476883,00.html (Archiv der Weltbank)

http://econ.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/EXTDEC/EXTDECPROSPECTS/0,,contentMDK:21574907~menuPK:476908~pagePK:64165401~piPK:64165026~theSitePK:476883,00.html (Downloadcenter für aktuellere Prognosen, zB. Vom Oktober 2014)

12 Kommentare Die Weltbank und das Öl

  1. Joachim

    Naja wenn du schon nicht der Weltbank glaubst dann glaube wenigstens mir ;). Bis jetzt war ich mit meinen Prognosen nicht so daneben. Das Ereignis mit dem Iran konnte ich auch nicht vorhersehen, scheint aber dennoch meiner Theorie eines nicht explodieren Ölpreisen Rückenwind zu geben. Damit meine Theorie haltet muß ich sogar schon PRO-Öl argumentieren sodass ich einen chronischen Ölpreises unter 50 Dollar für unmöglich halte da darunter das ÖlAngebot einfach nicht ausreicht.

    Nebenfrage: Bei welchem Onlinebroker handelst du eigentlich und warum?

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  2. Daniel

    Jetzige Hello (großteils) sowie Bankdirekt (österreichische Titel).

    Für mich sind die Spesen bei beiden vertretbar weil ich ohnehin nicht so viel mache.

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    1. Joachim

      Warum teilst du deine Aktien auf zwei Broker auf? Hat das irgendeinen tieferen Sinn? Sind bei Bankdirekt die Spesen für AUT Aktien günstiger? Bei Bankdirekt war ich schon einmal, habe jedoch auf Brokerjet gewechselt. Der Rest dürfte klar sein.

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  3. Daniel

    Was das Öl betrifft, würde mich eines interessieren: da Du ja doch als eine der kritischsten Stimmen hier auftrittst – was ich im Übrigen nicht negativ finde – ich bin noch immer nicht dahinter gekommen was ich Deiner Meinung nach anders machen hätte sollen.

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    1. Joachim

      Ich denke dass du Öl zu stark gewichtet hast. Im Grunde genommen könnten jetzt wirkliche Schnäppchen am Markt entstehen. Wirst du dann noch weiter gewichten und so das Klumpenrisiko vergrößern? Meine Erwartungen sind die dass dir dein derzeitiges Ölinvestment über 10 Jahre nicht in absoluten Zahlen Schaden zufügen werden jedoch könnte deine Rendite über die Jahre hinweg sich als bescheiden erweisen im Verhältnis zu dem Risiko das man nehmen musste.

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      1. Daniel

        Aus meiner Sicht war wie gesagt kein übermäßiges Klumpenrisiko auf Portfolioebene vorhanden, allein schon aufgrund der negativen Korrelation mit der Do&Co beispielsweise. Die hätte sich nicht innerhalb von weniger als zwei Jahren verdreifacht, wenn der Ölmarkt nicht so gelaufen wäre, wie er gelaufen ist. Wenn man solche Effekte berücksichtigt, ist das Netto-Exposure des Portfolios zum Ölpreis vielleicht bei 15% gewesen.

        Was Du meiner Meinung nach außerdem übersiehst (ich habe es kurz in einem anderen Kommentar mal angerissen), ist die Tatsache, dass der „Ölteil“ des Portfolios nicht so mörderisch im Minus ist, wie man vielleicht glauben könnte. Die am stärksten gewichtete BP ist im Plus, eine JAPEX auch, Apache hat gut 28% Minus nach Berücksichtigung der Dividenden, bei der OMV sind es nicht mal 20%, lediglich die Transocean hat sich all inclusive halbiert. Die war aber auch nie so stark gewichtet. Unter dem Strich muss der Ölteil des Portfolios aggregiert nicht so viel aufholen und ist trotz des heftigen Preisverfalles groß genug, um dem Gesamtportfolio einen ordentlichen Beitrag zur Rendite zu bringen.

        Außerdem: das Risiko, in Öl zu investieren, ist jetzt gleich groß, wie noch vor zwei Jahren. Zumindest wenn man Risiko so misst, wie es Value Investoren machen. Oder meinst Du, dass damals die Gefahr größer war, dass ein Ölunternehmen pleite geht und man einen dauerhaften Kapitalverlust erleidet, als es heute der Fall ist? Was natürlich anders ist, ist die Upside in Relation zu diesem Risiko. Die ist höher. Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer. Wenn ich gewusst hätte, dass Do&Co so gut läuft, hätte ich alles dort investiert.

        Der springende Punkt ist aber der, dass ich bei solchen laufenden Reflexionen meine Überlegungen anhand der Fakten, möglichen Szenarien und Handlungsmöglichkeiten unter die Lupe nehmen muss, die zum Zeitpunkt der Aktion vorhanden waren.

        Dinge, die im Nachhinein noch dazu kommen, ändern nichts an der Sinnhaftigkeit oder Unsinnigkeit einer früheren Entscheidung. Ich weiß, da denkst Du anders, aber wir müssen in dem Punkt auch keinen Konsens erzwingen. :-)

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  4. Pingback: Sinkender Ölpreis: Irrglaube der Weltbank?

  5. Marfir

    Mit dem gefallenen Preis steigt aber auch die Nachfrage (siehe gestiegene SUV Verkäufe in den USA). Noch steht der USD relativ stark da, die Produzenten können noch etwas durchhalten und die Weltwirtschaft lahmt. Die Zeit spielt aber für den Ölpreis.

    Transocean ist aber kein gutes Investment. Die haben bald die Hälfte ihrer Flotte verschrottet, die Umsätze sind auch vor dem Ölpreisverfall unterirdisch gewesen. Besondere Wettbewerbsvorteile hat man auch nicht (schlechte Margen, alte Flotte, kleiner cash flow). Wegen der Schulden eher das Gegenteil.
    Transocean wäre ein guter short Kandidat.

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  6. Daniel

    @Steigende Nachfrage: das ist ja auch das, was ich hier die ganze Zeit predige. Der fallende Preis provoziert eine steigende Nachfragebasis, die dann nicht von heute auf morgen verschwinden kann, weil eben längerdauernde Ersatzzyklen dahinter stecken.

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