Ein manisch-depressiver Geselle

Benjamin Graham (1894 bis 1976) prägte in seinem Werk „The Intelligent Investor“ eine scheinbar harmlose Metapher. Mit dieser Metapher möchte ich mich kurz beschäftigen. Von meinem bescheidenen Standpunkt aus sind diese Worte nämlich eine der wichtigsten Publikationen, die je das Licht der Finanzwelt erblickt haben. Auch Warren Buffett denkt da nicht anders.

Im Kapitel 8 „The Investor and Market Fluctuations“ des genannten Buches befasst sich der „geistige Vater des Value Investing“ mit den psychologischen Aspekten von Preisschwankungen an der Börse und führt schließlich eine Sichtweise auf den Aktienmarkt ein, die mich seit der erstmaligen Lektüre des Buches geprägt hat. Graham meint, man solle sich vorstellen, eine Teilhaberschaft an einer kleinen, nicht börsenotierten Gesellschaft im Wert von (völlig inflationsbereinigten und sagenhaften) 1.000 USD zu besitzen. Der Geschäftspartner ist ein eigenwilliger Kerl namens „Mr. Market“. Jeden Tag taucht nun dieser Mr. Market in unserem Büro auf und legt einerseits ein Angebot für unseren Geschäftsanteil und bietet gleichzeitig für einen fast identischen Preis auch uns seinen Geschäftsanteil zum Verkauf feil. Manchmal klingt das Angebot plausibel und deckt sich in etwa mit unseren eigenen Wertvorstellungen in Bezug auf den Geschäftsanteil. Von Zeit zu Zeit gehen unserem Partner aber die Gefühle und Instinkte durch, manchmal wird er von Euphorie und Gier befallen, er möchte den Anteil unbedingt und sofort besitzen, sodass er ein Angebot weit über dem fairen Wert desselben legt, manchmal aber ist er von Angst und Furcht erschüttert, und er ist bereit seinen Anteil für einen Spottpreis zu verschleudern. Selbstverständlich, so folgert Graham, sei es sinnvoll von den Stimmungsschwankungen und wechselhaften Angeboten dieses Mr. Market zu profitieren, ihm also in Phasen der Gier den eigenen Anteil zu verkaufen und zu warten bis seine Stimmung das nächste Mal auf den Tiefpunkt absackt.

Zugegeben, auf den ersten Blick schon ist erkennbar, dass diese Metapher auf die teils wüsten Schwankungen abstellt, denen Finanzmärkte unterworfen sind, heute ebenso wie es schon zu Grahams Lebzeiten war. Natürlich will jeder günstig kaufen und teuer verkaufen. Die hauptsächliche Erkenntnis, die ich aber aus diesen Worten für mich gewonnen habe ist, dass das Verstehen der Geschäftsmodelle und die Bewertung der Vermögensgegenstände und der Ertragschancen des Unternehmens unerlässliche Grundvoraussetzungen dafür sind, um die Stimmungsschwankungen des Mr. Market überhaupt erst gewinnbringend ausnutzen zu können. Woher will man ansonsten wissen, ob nicht der Partner dieses eine Mal besser informiert ist als man selbst? Allein aus der Tatsache, dass er jetzt drei Wochen lang durchgehend jeden Tag immer tiefere Preise für unseren Anteil geboten hat kann man nämlich noch lange nicht schließen, dass er unrecht hat. Das können wir erst dann beurteilen wenn wir über die dem Unternehmen zugrunde liegenden Fundamentaldaten besser Bescheid wissen als die Gegenseite – wir also besser informiert sind, als Mr. Market. Ansonsten „dreht“ uns vielleicht Mr. Market seine Kellerleichen an und wir merken es erst, wenn es zu spät ist.

Dieses pikante Detail wird am Rande bisweilen gerne übersehen. Menschen kaufen oft Aktien alleine aus dem Grund, weil sie 50% gefallen sind und fühlen sich als schlaue „contrarians“ oder „antizyklische“ Investoren. Umgekehrt ist ein Kursanstieg von 50% per se noch kein Grund, zu verkaufen – „Gewinne mitnehmen“, wie es vielerorts so lapidar heißt schadet zumeist nämlich doch. Wenn die Börse nur so einfach wäre… Die allermeisten Kursrückgänge haben einen rational nachvollziehbaren Grund, ebenso wie die allermeisten Kursanstiege. Mittel- und langfristig steigen Aktien dann, wenn das dahinterstehende Unternehmen seine Kennzahlen je ausständiger Aktie verbessert und es fallen Aktien dann, wenn der umgekehrte Fall eintritt. Wer diesen Grund und vor allem seine Ursachen nicht erkennt und trotzdem allein wegen der Marktbewegungen kauft oder verkauft, investiert nicht, sondern er spekuliert. Manche Bankaktien beispielsweise werden unter Umständen Generationen an Zeit brauchen, um ihre absoluten Höchststände von 2006/07 wieder zu erreichen, was zu einem signifikanten Teil der Tatsache geschuldet ist, dass die zugrundeliegenden Unternehmen aufgrund gestiegener Eigenmittelerfordernisse einfach die aberwitzigen Eigenkapitalrenditen nicht mehr erzielen werden, die b.L. (before Lehman) antizipiert wurden.

Aktien nur deswegen zu handeln, weil sich ihr Preis regelmäßig verändert, hat mit Value Investing nichts zu tun. Value Investing ist von der Erkenntnis getragen, dass Preis und Wert nicht immer identisch sind. Value Investing ist der Handel mit Mr. Market, indem wir unseren Informationsvorsprung und unsere Geduld ihm gegenüber ausspielen. Wir kaufen dann, wenn wir mit großer Wahrscheinlichkeit sagen können, dass das was er uns anbietet mehr wert sein muss, als der Preis, den er dafür verlangt, widerspiegelt. Wie Prof. Otte einst seinen Mentor Bruce Greenwald von der Columbia University zitierte: „In einer Sache aber ist der Markt brutal effizient (…): Einer von beiden – Käufer oder Verkäufer – wird sich irren“. Durch sorgfältige, umfassende Analyse, regelmäßige Reflexion und durch Konzentration auf einige, qualitativ hochwertige und leicht verständliche Unternehmen sorgt man dafür, dass es meistens der andere ist, der sich irrt.

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