Einige Anmerkungen zu IBM

In aller Kürze möchte ich ein paar Dinge aus dem jüngsten Pressestatement zu den Zahlen von IBM für das zweite Quartal 2015 zusammenfassen und meine Gedanken zur momentanen Situation zum Ausdruck bringen:

  • Es stechen natürlich sofort die drastischen Rückgänge bei Umsatz und Gewinn (absolut betrachtet) ins Auge. Bereinigt um Währungseffekte und die Desinvestition sanken die Umsätze im zweiten Quartal aber gerade mal um 1 Prozent. Auf das erste Halbjahr bezogen blieben die Umsätze gleich.
  • Die operativen Margen sind relativ konstant geblieben
  • Die Prognose für den Free Cashflow wurde sogar leicht angehoben
  • Das Cloud-Geschäft insgesamt liefert mittlerweile auf das Jahr hochgerechnet bereits Umsätze von 8,7 Mrd. USD und wuchs bereinigt um Sondereffekte um 70%.
  • Die Umsätze in den restlichen strategischen Prioritäten wuchsen wie folgt (bereinigt um Sondereffekte):
    • Business Analytics 20%
    • Mobile 300%
    • Social Revenues 40%
  • Per Ende Juni hatte das Unternehmen 980 Millionen Aktien ausstehend, mittlerweile dürften es wieder ein paar weniger sein.
  • Etwas niedrig kommt mir momentan die effektive Steuerrate bei 16% vor.
  • Die Bilanz ist auf den ersten Blick weiterhin beängstigend, wenn man sich stur die Goodwill-Quote (>200%) und die Eigenkapitalquote (12%) ausrechnet. Ich persönlich sehe aber vor allem die Verschuldungssituation als absolut unter Kontrolle. Es stehen rund 35,5 Mrd. USD Cash und Finanzforderungen (die meines Erachtens relativ schnell zedierbar wären) Finanzschulden von rund 39 Mrd. USD gegenüber. Mit einem jährlichen Free Cashflow im zweistelligen Milliardenbereich ist das also überhaupt kein Problem.

Alles in allem sehe ich IBM weiterhin voll auf Kurs. Man kauft brav Aktien retour, wenngleich sich das Tempo der Rückkäufe im Vergleich zum Vorjahr deutlich reduziert hat. Die Wachstumsraten in den Geschäftsbereichen, auf denen der Fokus liegt, zeigen, dass die Gesellschaft die richtigen strategischen Entscheidungen trifft. Der Dollar wird sich auch nicht immer so nach oben entwickeln. Die derzeitige Richtung der Währung wirkt sich ja doppelt negativ aus: einerseits werten tatsächlich gemachte Geschäfte ab, was sich in den Statements zeigt. Andererseits drückt der starke Dollar aber auch auf die potenzielle Nachfrage überhaupt, was man in den Zahlen nicht sieht. Bei einer Umkehr dieses Trends würde bzw. wird das natürlich doppelt in die entgegengesetzte (positive) Richtung wirken. Über das Potenzial von Produkten wie Watson habe ich ohnehin schon hier geschrieben. Dies gilt für mich weiterhin uneingeschränkt.

Grundsätzlich sehe ich die Upside bei IBM in zweifacher Hinsicht: einerseits durch eine Wiederaufnahme des Wachstumstrends bei Umsatz und Ertrag. Das sollte innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre eigentlich der Fall sein, wenn man sich die Umsatzverhältnisse von „alten“ und „neuen“ Segmenten ansieht. Allein das Cloudgeschäft könnte unter Beibehaltung dieser Wachstumsraten selbst in naher Zukunft schon erhebliche Rückgänge in den restlichen Sparten auffangen. Andererseits müsste IBM aufgrund des Wandels von einem Technologieunternehmen hin zu einem Software- und Dienstleistungsunternehmen mittelfristig mit einem wesentlich höheren Multiple bewertet werden, als jetzt. Was es braucht, ist Geduld – und die kennt eine in Quartalen denkende Börse nicht.

7 Kommentare Einige Anmerkungen zu IBM

  1. Tilo

    Hallo Daniel,

    Vielen Dank für die interessanten Kommentaren zu IBM (sowie die anderen Beiträge im Bargain Magazine die ich immer neugierig lese). Ich hätte eine Frage die mich in letzter Zeit beschäftigt und IBM ist ein gutes Beispiel um sie zu stellen:

    Es geht um die teils enormen Pensionsverbindlichkeiten die manche (vor allem Amerikanische) Unternehmen aufgebaut haben. Mir ist das Thema erst kürzlich über den Weg gelaufen, weil es sonst kaum besprochen wird, und ja auch in den Bilanzen sehr gut im Anhang versteckt ist.

    Bei IBM handelt es sich immerhin um Verbindlichkeiten von ca. 100 Milliarden $ – mehr als ein Jahresumsatz – die (überhaupt nur teilweise) durch Assets gedeckt sind. Die aktuelle Unterdeckung entspricht fast dem letzten Jahresgewinn.

    IBM schätzt für eine Mischung aus Aktien/Anleihen und Fonds eine Wertentwicklung von 8% / Jahr in die Zukunft was mir schon recht optimistisch scheint. Die Unterdeckung könnte sich also in Zukunft eher noch weiter vergrößern, insbesondere bei einem Unternehmen das nicht mehr so schnell wächst oder längere Zeit gar stagniert.

    Es scheint mir fast so als haben sich in den USA viele Unternehmen in eine ähnliche Situation wie bei uns der Staat gebracht, wo sie Pensionen in Zukunft schwer zu finanzieren sind. Andererseits wir diese Problematik aber kaum wo angesprochen also vielleicht habe ich einen Denkfehler und es ist gar nicht so schlimm. Würde mich interessieren wie Du darüber denkst…

    lg Tilo

    Reply
  2. Daniel

    Hallo Tilo, danke für Deinen Kommentar. Deine Frage ist berechtigt und generell (nicht nur für IBM) nicht unproblematisch. Ich möchte mir das Thema ohnehin mal genauer ansehen und wenn es passt einen Artikel dazu verfassen.

    Reply
  3. Tilo

    Hallo Daniel,

    Aus dem Geschäftsbericht beginnend auf Seite 131 (RETIREMENT-RELATED BENEFITS).

    http://www.ibm.com/investor/att/pdf/IBM_Annual_Report_2014.pdf

    Die Verbindlichkeiten auf Seite 136, Zeile „Accumulated benefits obligation“ machen 56,6 + 47,5 = 104,1 Milliarden aus. Die Unterdeckung, Zeile „Funded status at December 31“ -0,8 + -10,3 = -11,1 Milliarden.

    Auf Seite 138 wird in der Zeile „Expected long-term returns on plan assets“ die 8% erwartete Wertsteigerung der Assets angegeben und auf Seite 141 die Zusammensetzung der Assets.

    lg Tilo

    Reply
  4. Daniel

    @Tilo: Danke, hab die Dinge in der Zwischenzeit selbst schon nachgesehen. Darum habe ich oben auch meinen ursprünglichen Kommentar abgeändert (falls Du Dich darüber wunderst).

    Hatte die Zahlen nur nicht mehr auswendig im Kopf.

    Reply
    1. Tilo

      Mein RSS Reader hatte den originalen Kommentar heruntergeladen, ich habe erst nacher gesehen das er aktualisiert wurde :-)

      Ich hab mir mal bei Coca Cola die Mühe gemacht und die GB der letzten 15 Jahre durchgearbeitet. Dort sind die „Defined Pension Benefits“ im Schnitt um 15% / Jahr gestiegen. IBM ist vermutlich schlimmer, ich stelle mir vor das dort eine Menge Mitarbeiter arbeiten die schon ewig dabei sind, gut bezahlt sind und entsprechend hohe Ansprüche haben.

      Reply
  5. Daniel

    Grundsätzlich hast Du aber natürlich Recht. Es könnte hier große Probleme geben. Wenngleich ich das bei IBM nicht so drastisch sehe.

    Reply
  6. Daniel

    Konkret bei IBM war/ist es bei mir so, dass ich das mit der Unterdeckung während der Recherche. gelesen habe, aber der Meinung war und noch bin dass es in Relation zum free cashflow und vor allem zur theoretischen zusätzlichen Schuldentragfähigkeit von IBM nicht so schlimm ist. Wenn der Betrag noch weiter wächst so würde ich hier ein Problem sehen.

    Reply

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *