Ethik & Externalisierung – Warum Psychologie und Emotionalität beim Investieren doch wichtig sind

Der heutige Beitrag geht mal in eine andere Richtung:

Es geht um Ethik und Externalisierung in Bezug auf das Investieren. (Bei Letzterem handelt es sich um das Abwälzen und Auslagern von Kosten und entstandenen Schäden an der Natur und Menschen auf Andere. Diese sind in der Regel unbeteiligte Parteien, meistens betrifft es die Gesellschaft direkt.)

Um Leser nicht jetzt schon zu verlieren, sei noch gesagt, dass dieser Artikel unter dem Versuch möglichst objektiv, sachlich sowie unpolitisch zu bleiben, geschrieben wurde. Da diese Website sich im Bereich Finanzen und Investments befindet, versuche ich mich auf die möglichen Auswirkungen auf diese Themen zu konzentrieren.

Oftmals wird (auch/gerade in wissenschaftlichen Studien) behauptet, dass die besten Analysten erwiesenermaßen herzlose Soziopathen wären, welche sich nur auf Fakten stützen und sich emotionslos verhalten. Einige (Value) Investoren sehen das ähnlich.

Diese These halte ich für falsch.

Sicherlich ist es für einen Investor enorm wichtig, sich nicht von seinen Gefühlen überwältigen zu lassen und rational zu entscheiden. Dennoch halte ich es für genauso rational, langfristige Investments auf ihr „Exposure“ bezüglich der Komponente Mensch zu untersuchen.

Dafür zwingend notwendig ist ein gewisses Verständnis für sich verändernde Bedürfnisse, Forderungen und langfristige Trends der Gesellschaft.

Die Aussage hier heißt nicht, dass automatisch jedem Hype gefolgt werden sollte, ganz im Gegenteil. Statt dessen sollten gesellschaftliche Umwälzungen wie Deutschlands Ausstieg aus der Atomenergie, ein allgemein verstärkter Fokus auf nachhaltige Energiequellen, die Einführung des Mindestlohns, die steigende Anzahl an Öko- und Bioprodukten sowie Vegetariern/Veganern, etc. ernst genommen werden.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass viele Länder auch in Zukunft noch auf fossile Energiegewinnung, niedrige Arbeitslöhne zur Erhaltung der globalen Wettbewerbsposition, usw. angewiesen sein werden. Dennoch halte ich härtere Strafen für Konzerne/Unternehmen, welche gegen diese Restriktionen verstoßen, für durchaus möglich, politisch umsetzbar und über kurz oder lang sogar für wahrscheinlich. (Siehe bspw. BP Deepwater-Horizon Katastrophe, Aussagen des CEOs, „milde“ Strafzahlungen, nach wenigen Jahren wieder „riesige“ Gewinne)

Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Art und Weise wie in den letzten 100 Jahren gewirtschaftet wurde und unser momentanes Verständnis von Business langfristig ökologisch nicht tragbar sind und keine Zukunft haben. Diese These steht nicht mehr zur Diskussion, sie ist Fakt. Jeder, der etwas anderes behauptet belügt sich selbst und/oder Andere.

Auch das Internet dürfte hier zukünftig noch für die eine oder andere Überraschung sorgen. So konnte die gesamte Welt im Zuge des arabischen Frühlings erstmals die politische Macht der über soziale Netzwerke organisierten Bevölkerung mitverfolgen. Neben den klassischen Medienquellen scheinen sie sich als die 5. Staatsgewalt zu etablieren. (Siehe z.B. politische Diskussionen im Fall Edathy, Germanwings Katastrophe, u.ä.)

Wie viele Menschen leben noch ohne Internet? Wie stark werden sich Propaganda-Regime, Bildung, Marken, etc. unter dem Einfluss frei zugänglicher Informationen verändern, der eventuell entscheidenden Macht des 21. Jahrhunderts?

Wird das von Facebook Gründer Mark Zuckerberg postulierte Zukunftsszenario (freier und kostenloser Zugang zum Internet via Drohnen/Satelliten) tatsächlich Realität?

Eine Möglichkeit sich diesen Veränderungen zu Stellen, wäre hierbei eine Kombination aus dem Singleton´schen Freigeist und dem Mungerism „worldly wisdom“ d.h. so wenige Prämissen wie möglich in Bewertungen aufzunehmen, gedanklich flexibel und offen zu bleiben sowie, ganz nach Fisher, Investments vor dem Hintergrund sich verändernder Tatsachen ständig zu hinterfragen.

Auch wenn sich dieser Text möglicherweise als Warnung bzw. Ausschlusskriterium für Investments in sich entwickelnden Sektoren anhört, ist die beabsichtigte Botschaft eine andere:

Gesellschaftlicher, politischer und gedanklicher Wandel ist eine zusätzliche Variable bei der Risikobewertung von Investitionen. (Wo sind die RWE/E.on Aktionäre?)

In der Politik geht es darum, ein für alle Beteiligten halbwegs gesichtswahrendes Resultat zu erzielen. Allerdings zeigt uns ein historischer Rückblick, dass solche Kompromisse immer wieder gegen moralische Wertvorstellungen abgewogen werden bis sich letztere zuletzt über die Jahre in vielen, wenn auch nicht allen, Fällen durchsetzen.

So war Rassentrennung bis vor circa 50 Jahren in den USA und bis vor 25 Jahren in Südafrika gesetzlich geregelt und gesellschaftlich weitestgehend akzeptiert. Wer traut sich vor diesem Hintergrund eine Aussage über unser Verhalten und unsere Werte in den nächsten 50 Jahren zu?

Back to Business:

Buffett schreibt in einem seiner Aktionärsbriefe, dass ein gutes Versicherungsunternehmen bei der Kalkulation der Prämien unbedingt irrationale Entscheidungen von Richtern mit einberechnen sollte. Obwohl in Verträgen mit Kunden die Zahlung in bestimmten Fällen vertraglich ausgeschlossen ist, kommt es häufig zu einer Anfechtung. In manchen Fällen gehen diese, trotz klarer Tatsachen, letzten Endes zu Gunsten des Klägers aus und das Versicherungsunternehmen muss zahlen. Recht und Gesetz sind nicht in Stein gemeißelt, ganz im Gegenteil.

So leicht können sich angeblich feste und klare Fakten ändern…

„Never underestimate the power of human (stupidity)“ – Robert A. Heinlein

Hier ist als weiterführende Anregung noch ein Zitat von Professor Dr. Rieck mit spieltheoretischem Hintergrund:

„Und was ist die Moral? Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die Anreize so zu gestalten, dass die beteiligten Personen sich wünschenswert verhalten. Wenn es um die Gestaltung staatlicher Stellen geht, dann heißt es public choice, wenn es um Unternehmensführung geht, dann heißt es corporate governance, und immer geht es um die spieltheoretische Aufgabe des Mechanismus-Designs.“

Abschließend (doch) noch ein Statement meinerseits zum Thema Wirtschaftsethik:
Ich glaube nicht an das Konzept.

Wer sich in die Thematik etwas einlesen und ein sehr gut geschriebenes Buch lesen möchte:

http://www.amazon.com/Ecology-Commerce-Revised-Edition-Sustainability/dp/0061252794

Weiterführende Links:

https://www.youtube.com/watch?v=1DLgXuUiiMU

https://www.youtube.com/watch?v=HDnh-ChEgVQ

http://simple-value-investing.de/blog/investitionen-in-ruestungsunternehmen-moralisch-vertretbar

5 Kommentare Ethik & Externalisierung – Warum Psychologie und Emotionalität beim Investieren doch wichtig sind

  1. Daniel

    Ausgezeichneter Artikel. Warum glaubst Du nicht dran?

    Was mich noch interessieren würde: hast Du gewisse Branchen in die Du nicht investieren würdest?

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  2. Richard ak

    hi moritz

    ich denke richtiges Investieren basiert auf Emotionalität. Moderne Gehirnforschung zeigt ohnehin, dass „Rationalität“ und „Emotionalität“ nicht in Gehirn-Bereichen getrennt sind. Deshalb sind diese Kategorien sinnlos. Es ist beides Ausdruck ein und desselben.

    Ich denke ein guter Investor braucht das, was man „Emotionale Intelligenz“ nennt. D.h. jmd kann sich gut in sozialen Situationen bewegen. Ein guter Investor lässt sich auch emotional auf sein Investment ein. Wenn jemand nur „stumpf“ Bilanzzahlen vergleicht wird er nicht erfolgreich sein.

    Vielleicht sollte man die Begriffe „Emotionalität“ und „Emotion“ trennen. Emotionen, wie Angst oder Aggression, kann man allerdings nun wirklich nicht gebrauchen beim Investieren.

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  3. Robert Michel

    Ein guter Investor muss vor allem seine Gefühle kennen und wissen, wann er sich auf sie verlassen kann und wann sie ihn in die Irre führen.

    „Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Art und Weise wie in den letzten 100 Jahren gewirtschaftet wurde und unser momentanes Verständnis von Business langfristig ökologisch nicht tragbar sind und keine Zukunft haben. Diese These steht nicht mehr zur Diskussion, sie ist Fakt.“

    Starke Worte allerding ist es der Zukunftspessimismus der nicht durch Fakten gedeckt ist und nicht unsere bisherige Weise zu wirtschaften. Praktisch alle Ressourcen reichen für einen längeren Zeitraum, als man sinnvollerweise planen kann.

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  4. Moritz Leonhardt

    @Daniel:
    Das Konzept der Wirtschaftsethik widerspricht jeglicher Markt- und Wettbewerbstheorie. Unternehmen, welche es sich leisten können „ethisch“ zu handeln, spielen diese Karte entweder als Asset (Wohlwollen der Gesellschaft, „Nachhaltigkeitsstempel“ etc.) aus oder sind schlicht in einer so starken Position, dass einzelne Unternehmenseigentümer/Vorstände individuellen Spielraum für solches Vorgehen haben.
    Der Markt als ganzes hingegen ist ethisch neutral und im besten Fall lediglich gesetzeskonform.
    Deshalb halte ich das Zitat von Herrn Professor Rieck für so wichtig: „Und was ist die Moral? Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die Anreize so zu gestalten, dass die beteiligten Personen sich wünschenswert verhalten.“
    Die Frage nach Tabu-Branchen ist für mich noch nicht abgeschlossen. Ich kann momentan nur sagen, dass ich weitaus lieber unterbewertete Compounder im Portfolio habe, bei denen ich mir diese Frage überhaupt nicht stellen muss, weil sie ganz im Gegenteil von Makrotrends nur profitieren oder gänzlich unberührt bleiben.

    @Richard:
    Die Unterscheidung zwischen Emotionalität und Emotion gefällt mir.

    @Robert:
    Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe.
    Meintest du, dass unsere globalen Ressourcen für längere Zeiträume als die prognostizierten ausreichen werden?
    Langfristig gesehen (und darum geht es mir) macht es mathematisch keinen Unterschied, ob die globalen Ressourcen x oder 10x Fantastilliarden Tonnen betragen. Solange ich konstant mehr verbrauche als sich durch Recycling und natürliche Rückbildung wiedergewinnen lässt, befinde ich mich wirtschaftlich gesprochen im permanenten sell off. Das Problem von nicht recyclebaren Toxinen und Atommüll kommt dabei noch hinzu.
    Das empfohlene Buch (sehr, sehr viele Fakten!) stellt übrigens die These auf, dass es eigentlich unser „Business“ ist, was gerettet werden muss.
    P.S: Als Zukunftspessimisten sehe ich mich übrigens wirklich nicht, dann doch eher als(hoffnungslosen?) Optimisten. :-)

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  5. Robert Michel

    Es geht mir gerade darum dass es keinen Sinn macht die Dinge langfristig zu betrachten. Angenommen wir wüssten das in 70 Jahren das Kupfer zu Neige gehen würde. Es würde dann immer noch keinen Sinn machen jetzt damit anzufangen Kupfer einzusparen, weil wir nicht wissen wie die technologischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in sagen wir 40 Jahren sein werden. Die Maßnahmen die wir heute treffen werden also höchstwahrscheinlich unangemessen und mit etwas Pech sogar konterproduktiv ausfallen.

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