Gedanken zur US-Ölproduktion

Die Ölproduktion in den USA hat durch den verstärkten Einsatz der Fördermethode Fracking in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. In diesem Artikel möchte ich versuchen, einige fundamentale Zusammenhänge für die US-amerikanische Ölproduktion herauszuarbeiten. Abgesehen von kurz- und mittelfristigen politischen Einflüssen wird das Preisniveau des Rohstoffes natürlich von Angebot und Nachfrage bestimmt. Die US-amerikanische Ölproduktionskapazität ist ein wesentlicher Faktor auf eben dieser Angebotsseite.

Einflussfaktoren auf die Ölproduktion

Zwischen dem Ölpreis und der Ölproduktion besteht wie auf praktisch jedem Markt eine wechselseitige Beziehung. Je höher der Preis steigt, desto mehr Produktionskapazitäten werden eröffnet. Je mehr Produktionskapazitäten auf eine verhältnismäßig stabile Nachfragebasis treffen, desto größer wird der Druck auf den Preis. Das gilt natürlich auch vice versa. Je tiefer der Preis fällt, desto mehr Kapazität wird vom Markt genommen und umso stärker wird dadurch wiederum die Unterstützung für den Preis. Hinsichtlich der Nachfragebasis kann man tatsächlich davon ausgehen, dass diese auch bei sehr hohen Preisschwankungen relativ unelastisch ist. Innerhalb der letzten Dekaden ist diese trotz enormer Ölpreisschwankungen und wirtschaftlichen Unsicherheiten graduell langsam gestiegen. Über die weitere mögliche Entwicklung der gesamten Nachfrage ließe sich natürlich ebenfalls ausführlich diskutieren. Es lässt sich beispielsweise nicht sagen, wie schnell alternative Antriebssysteme flächendeckend den Verbrennungsmotor zu Lande, zu Wasser und in der Luft ersetzen können. Das ist eine Unsicherheit, mit der man leben muss.

Öl wird durch Bohrungen gewonnen. Bei diesen Bohrungen kommen sogenannte „rigs“ zum Einsatz. Das sind überblicksartig formuliert Bohrvorrichtungen bzw. Bohrmechanismen, die entweder zu Lande (onshore) oder zu Wasser (offshore) eingesetzt werden können. So liegt die Vermutung nahe, dass die momentan im Einsatz befindliche Anzahl an rigs als Indikator für die zukünftig mögliche Ölproduktionskapazität dienen kann. Diese Zahl, der sogenannte „rig count“ wird unter anderem von Baker Hughes veröffentlicht. Auf dieser Seite gibt es auch wöchentlich aktualisierte Excel-Sheets mit verschiedenen Daten. Ich habe aus Interesse für die USA jeweils den Mittelwert an im Einsatz befindlichen rigs pro Jahr seit 1988 herangezogen und mir in Relation dazu die von der EIA veröffentlichte Ölproduktion der USA angesehen. Daraus ist folgende Grafik entstanden:

grafik öl

Diese Grafik zeigt für mich einen Zusammenhang ganz klar und legt außerdem zwei weitere Schlussfolgerungen zumindest nahe. Der klar ersichtliche Zusammenhang ist die bereits vermutete grundsätzliche Korrelation zwischen rig count und Produktionslevel. Befindet sich der rig count in rückläufigem Zustand, geht auch das Produktionslevel zurück. Steigt der rig count, steigt auch das Produktionslevel. Von 2014 auf 2015 gab es einen gewaltigen Rückgang des rig counts (von über 1400 auf unter 800). Derzeit halten wir bei gar nur mehr 413 oil rigs.

Wenn man genauer hinsieht, könnte man weiters die Vermutung anstellen, dass es eine gewisse Verzögerung in der Wechselwirkung gibt, wobei der rig count meist früher die Richtung ändert, bevor auch das Produktionslevel wirklich nachzieht. Wenn man sich beispielsweise die Jahre 2002 bis 2008 ansieht, so gab es dort bereits einen Anstieg beim rig count, die Produktion ist aber weiter gesunken. Auch von 2014 auf 2015 lässt sich das beobachten: während die Anzahl der rigs schon stark gefallen ist, stieg die Produktion noch weiter an. Diese Vermutung wird dadurch untermauert, dass logischerweise zuerst rigs auf- oder abgebaut und Probebohrungen durchgeführt werden müssen, bevor sich das jeweilige Produktionslevel verändern kann. Mittlerweile ist aber auch im Produktionsniveau eine leichte Rückläufigkeit erkennbar. Die Forecasts der EIA rechnen mit einem weiteren Rückgang auf 8,7 Mio. Barrel/Tag in 2016.

Die dritte Implikation, auf die ich eingehen möchte, ist Folgende: Ab 2010 gab es über einige Jahre hinweg eine Explosion des rig counts bis auf über 1400. Das ist mehr als das Doppelte der früheren Höchststände aus dem Ende der Achtziger Jahre und markiert wenig überraschend den bereits genannten Fracking-Boom. Trotzdem ist das erreichte Produktionslevel bei weitem nicht mehr als doppelt so hoch wie damals. Anders formuliert: um ein absolutes Produktionslevel zu erreichen das ungefähr 20 Prozent höher war als jenes Ende der Achtziger Jahre, waren mehr als doppelt soviele Bohrvorrichtungen erforderlich. Daraus ist meines Erachtens abzuleiten, dass die Aufwendigkeit der heutigen Bohrungen zugenommen und/oder die Ergiebigkeit dieser Bohrungen abgenommen hat. Mögliche weitere Effizienzsteigerungen können hier aber logischerweise entgegenwirken.

Der Zusammenhang von rig count und dem Ölpreis

Wie bereits erwähnt spielt der Ölpreis eine große Rolle für die Anzahl der Bohraktivitäten. Ich habe zu diesem Zweck noch eine zweite Grafik erstellt, die den Zusammenhang von rig count und WTI-Ölpreis in US-Dollar zeigt.

grafik öl preis

Es ist ersichtlich, dass Preisbewegungen – wenngleich wieder mit etwas Zeitverzögerung – auf das Produktionsniveau durchschlagen. Je stärker diese Preisbewegungen sind, umso heftiger fällt auch die Änderung der Ölproduktionskapazität aus. Bei den Preisbewegungen in den Jahren 2007 bis 2009 haben aber mit Sicherheit auch noch andere Faktoren eine Rolle gespielt.

Eine weitere Frage hat mich in diesem Zusammenhang noch beschäftigt, nämlich ab welchem Preisniveau der rig count in den USA richtig zu fallen begonnen hat. Die Spitze im rig count wurde am 10.10.2014 mit 1609 oil rigs verzeichnet. Die nächste Grafik zeigt den Verlauf des rig counts ab Oktober 2014 bis jetzt:

grafik öl 3

Mehr als die Hälfte der rigs wurde auf einem wesentlich höheren Preisniveau, als es jetzt vorherrscht, stillgelegt. Die erste große Stilllegungswelle sah man sozusagen als Reaktion auf den ersten großen Preisverfall von 90 auf 50 im Schlussquartal 2014. Eine weitere größere Stilllegungswelle liegt nun hinter uns, als der Preis für ein Barrel WTI in die 30er-Regionen durchgebrochen ist.

Schlussfolgerungen

Was lässt sich aus dem bisher Niedergeschriebenen folgern?

Es ist aus meiner Sicht sehr wahrscheinlich, dass die Ölproduktion der USA in den nächsten ein bis zwei Jahren deutlich zurückgeht. Das hat zwei Gründe: erstens gibt es wesentlich weniger Produktions- und Bohrstätten im Einsatz. Zweitens gibt es das Phänomen der „depletion“. Bereits erschlossene Felder nehmen ja bekanntlich im Zeitverlauf in ihrer Ergiebigkeit ab. Wie groß dieser Produktionsrückgang sein wird, lässt sich nicht verlässlich sagen. Aus den historischen Daten vor dem Fracking-Boom könnte man aber folgern, dass auch mit einer sehr geringen rig-Zahl (zwischen 200 und 400) ein Produktionslevel zwischen 5 und 6 Mio. Barrel/Tag aufrechterhaltbar sein könnte. Auf der einen Seite ist zwar davon auszugehen, dass diese leichter zugänglichen Reserven mit der Zeit niedriger werden und neue Felder ganz offensichtlich nicht mehr so leicht zugänglich sind (sonst hätte man auch zu niedrigeren Preisen deutlich mehr konventionelles Öl produzieren können). Auf der anderen Seite muss man ziemlich sicher eine gewisse Effizienzsteigerung in der Fracking-Technologie einkalkulieren. Es wird aber wahrscheinlich nicht übertrieben sein, wenn man davon ausgeht, dass zumindest 1,5 bis 2 Mio. Barrel/Tag innerhalb der nächsten Jahre hier wegfallen, sofern nicht wieder ein signifikanter Anstieg im rig count beobachtbar wird. Laut den Daten aus dem Q3-Bericht der SBO AG betrug das Überangebot am Ölmarkt im dritten Quartal 2015 übrigens rund 1,6 Mio. Barrel/Tag.

Dann stellt sich noch die Frage, mit welcher Rate die Nachfrage wächst und wie viel zusätzliches Öl auf diesem Preisniveau eventuell von anderen Quellen (OPEC/Iran sowie Russland) wirklich nachhaltig beigesteuert werden kann. Meine Vermutung aufgrund der derzeitigen Informationslage ist aber, dass sowohl die OPEC als auch Russland derzeit mehr oder weniger am Anschlag produzieren und bestehende bereits erschlossene Felder auspumpen. Die OPEC, insbesondere die Saudis, tun dies um mit aller Gewalt den Frackern zu schaden und Russland, um den maroden Staatshaushalt zumindest irgendwie zu füttern. Auch der weltweite rig count zeigt ein ähnliches, wenngleich nicht ein so drastisches Bild, wie der hier erörterte US-amerikanische. Der „international rig count“ laut Baker Hughes lag per Jänner 2016 um 17% unter dem Vorjahreswert. Auch hier ist also nicht davon auszugehen, dass mit fast einem Fünftel weniger Bohrstellen die Produktion noch nachhaltig weiter gesteigert werden kann. Aus diesen Daten wage ich nun zumindest die Vermutung, dass in absehbarer Zeit (innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre) das Produktionslevel mit der Nachfrage soweit in Einklang gebracht wird, dass die mittlerweile angehäuften Lagerbestände graduell abgebaut werden können.

Vergangenheitsbewältigung

In einem meiner früheren Artikel habe ich mir selbst übrigens auferlegt, noch einmal tiefgehend über die erste Phase meiner Ölwette nachzudenken und eine Fehlersuche zu betreiben. Dieser Prozess ist noch im Gange, einige Dinge kann ich aber zwischenzeitlich schon anmerken.

Fakt ist zunächst, dass ich die ersten Ölwerte damals gekauft habe, weil sie aufgrund ihres historischen Ertragsniveaus billig ausgesehen haben. Wie immer, wenn ein Unternehmen aufgrund seines aktuellen Ertragsniveaus sehr günstig wirkt, heißt das, dass der Markt einen Rückgang dieses Ertragsniveaus erwartet. Mit dem Kauf habe ich gegen diese Markterwartung gewettet und bin daneben gelegen. Da Ölpreise und Ertragsmöglichkeiten der Ölunternehmen in weiterer Folge noch tiefer gefallen sind, als zum Zeitpunkt meines ersten Einstieges eingepreist war, hat sich sogar die ursprüngliche Erwartung des Marktes zeitweilig noch als zu optimistisch herausgestellt. In diesem Zusammenhang habe ich bereits wiederholt die Frage aufgeworfen, ob ich den Ölpreisverfall überhaupt oder gar in dieser Ausprägung vorhersehen hätte können. Die Antwort auf diese Frage ist noch immer, dass ich das nicht mit Sicherheit weiß. Wenn man sich das Investitionsverhalten der Ölkonzerne ansieht, kann man aber daraus ableiten, dass auch die Brancheninsider von der Heftigkeit des Preisverfalles überrascht worden sind. Fakt ist aber, dass der Marktkonsens schon damals zumindest eine Abschwächung des Preises erwartet hat. Da der Marktkonsens im Normalfall aufgrund von leichter zugänglichen bzw. bei sorgfältiger Recherche erhebbaren Informationen beruht, muss ich daraus eine zu schlechte Recherche meinerseits ableiten. Einfacher gesagt wusste der Markt damals mehr als ich und somit war ich diesbezüglich der Fisch am Pokertisch.

War der Ölmarkt damals in einer Blase? Das weiß ich auch nicht. Es wäre meines Erachtens aber eine zu voreilige Schlussfolgerung (gerade bei sehr stark zyklischen Märkten), bei heftigen Preisverfällen automatisch davon auszugehen, dass der Hochpunkt eine Blase im urtümlichen Sinne des Begriffes – vergleichbar mit der DotCom-Zeit oder den NiftyFifty – war. Natürlich lässt sich über diesen Punkt diskutieren. Eines kann man aber definitiv sagen, wenn man das Problem bzw. die Fragestellung invertiert: Ganz egal ob es nun eine Blase war oder einfach nur ein zyklisches Hoch, es hat mit Sicherheit keine Panik am Ölmarkt geherrscht. Von diesem Standpunkt aus betrachtet muss man die Entscheidung, bereits damals einen so großen Anteil des Portfolios in Ölwerte zu investieren, auch als krassen Fehler sehen. Freilich kann man – wie ich es in Diskussionen immer wieder eingewendet habe – diesen Fehler dadurch abgemildert sehen, dass gewisse andere Teile des Portfolios (insbesondere die beträchtliche Do&Co-Position) überproportional von fallenden Ölpreisen profitiert haben und somit das Netto-Exposure auf Portfoliobasis gegenüber dem Ölpreis deutlich geringer war. Am Grundsatz ändert es aber nichts, Fehler bleibt Fehler.

Der großartige Seth Klarman bringt in seinem Buch „Margin of Safety“ eine Analogie, die sich ungefähr wie folgt nacherzählen lässt: Wenn man auf der Suche nach einem Haus ist und man findet in einer tollen Lage, wo vergleichbare Häuser um die 300.000 Dollar kosten, ein Haus um 150.000 Dollar, dann ist die erste gedankliche Reaktion nicht „Wow, was für ein tolles Schnäppchen!“, sondern „Hmm, was stimmt mit dem Haus nicht?“. Auf diese Art und Weise muss ich meinen Investmentprozess verfeinern. Nicht nur bei der Ölwette, sondern auch bei anderen Engagements in der Vergangenheit habe ich mich zu sehr von der offensichtlichen Unterbewertung (bezogen auf Substanzwert oder aktuellen Ertragswert) blenden lassen. Die Frage nach dem „Warum“ ist zu oft stiefmütterlich behandelt worden.

Aus den hier erörterten Fehlern meiner eigenen Investmentpraxis muss ich einerseits lernen, dass der Frage, warum ein Unternehmen unterbewertet und ob dieses Warum gerechtfertigt ist, viel stärkeres Gewicht beizumessen ist, als ich das bisher getan habe. Andererseits ergibt sich aus diesen Fehlern eine weitere Gedankenaufgabe, die in den nächsten Wochen gelöst werden soll. Es ist tiefgreifend über Positionsgrößen und meine bisher angewandte Diversifikationsstrategie nachzudenken.

38 Kommentare Gedanken zur US-Ölproduktion

  1. Nico

    Sehr richtig. Bei der ganzen Ölgeschichte, habe ich auch zwischendurch gedacht, ich wäre ja so smart.

    Ein bisschen Recherche, festgestellt dass die Nachfrage ja da ist, was von Frackern gelesen, die für das Überangebot gesorgt haben, das nun den Preisverfall herbeiführte. Die produzierten aber nur zu 70 $ das Fass rentabel. Dann noch ein Zitat im Kopf gehabt „Sei gierig wenn andere mutig sind“ oder „Kaufe, wenn das Blut auf der Straße fließt“. So einfach hätte die Sache sein können.

    Alles Spekulation, alles Übertreibung dachte ich.

    Was soll ich sagen? Die Confidence stieg. Ich kaufte Statoil zu 12 Euro. Der Ölpreis erhöhte sich, der Kurs von Statoil auch – deutlich. Nur realisiert habe ich bei weitem nicht das Maximum. Der Kurs kam zurück und ich schaute zu. Dann verkaufte ich doch, aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung. 15 Prozent über dem Einstandskurs vielleicht, mehr nicht.

    Das war so im Frühjahr letzten Jahres. Ich habe festgestellt- das ist den Nervenkitzel einfach nicht wert. Wenn man in solchen Situationen kauft, muss man wirklich genau wissen, was man tut.

    Nun, jüngst habe ich gelesen, dass manch ein Fracker bereits für unter 30 USD rentabel produzieren kann. Was soll man da sagen? Selbst wenn sich Russland, Saudi Arabien und Co auf einen Volumendeckel (zum aktuellen Niveau) einigen, werden sich gerade diese Fracker ’nen Dreck darum kümmern und den etablierten Förderern durch eigene Outputerhöhungen Marktanteile abjagen.

    Aber es ist ja auch überhaupt nicht gesagt, dass solch eine Absprache Erfolgt hat. Bisher hat die OPEC bspw. ja eher gezeigt, dass sie den Markt nicht steuern kann.

    Ich würde heute höchstens noch in Phillips 66 investieren, die kommen mit dem jetzigen Preisniveau zurecht und ich denke auch, dass das der Boden ist. Aber das kann man eben nie wissen.

    http://www.bloomberg.com/news/videos/2016-02-19/trying-to-predict-oil-prices-is-a-fools-game-ubs

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    1. Daniel

      Hallo Nico, danke für Deine Anmerkungen.

      Es ist generell schwer, im Vorhinein herauszufinden, was man weiß, was man nur vermuten kann und wovon man absolut keinen blassen Schimmer hat. Mit allen drei Ausprägungen muss man sich aber zwangsläufig abfinden und irgendwie arrangieren, wenn man in Aktien investiert. Ganz egal, wo man investiert – auch bei Phillips 66 wirst Du viele Dinge bei genauerem Hinsehen entdecken, die man einfach nicht wissen kann.

      Zu den 30 USD möchte ich auch noch etwas sagen. In dem Zusammenhang muss man immer aufpassen, welcher Natur die Zahlen sind, die als Förderkosten genannt sind. Sind das 30 USD, die pro Barrel anfallen um es aus einem bereits erschlossenen Feld herauszupumpen und auf den Markt zu bringen oder sind da wirklich alle Kosten einbezogen um langfristig ein Ölunternehmen mit solchen Feldern zu betreiben. Bei letzterem kommen da noch Explorationskosten für neue Felder zumindest in der Höhe dazu, dass die Reservenersatzrate bei 100% gehalten werden kann. Außerdem muss man Zinsen bezahlen und Eigenkapitalgeber bedienen. Gerade diese Eigenkapitalkosten werden bei solchen Kostenrechnungen sehr häufig vergessen. Niemand betreibt auf Dauer ein Ölunternehmen, das nicht profitabel ist.

      Selbst wenn es vereinzelte Fracker gibt die diese Kriterien auch bei 30 USD noch erfüllen, ist nicht gesagt dass es genügend sind, um die Produktion der USA auch nur irgendwie auf diesem Niveau aufrecht zu erhalten. Wissen kann man auch das nicht, aber ich wollte eben die Entwicklung des rig counts als Indiz dafür bringen, dass in absehbarer Zeit aus den USA aggregiert zumindest keine großen Produktionsmengensteigerungen zu erwarten sind.

      Wie in dem Artikel angesprochen: die weltweite Überversorgung beläuft sich auf einen niedrigen einstelligen Prozentsatz der Produktionsmenge. Wenn man jetzt zusätzlich annimmt, dass auch die anderen Förderländer und -organisationen bei diesen Preisen ihre Produktion nicht mehr nachhaltig erhöhen können (und wie gesagt – nachhaltig heißt, dass ausgepumpte Felder auch wieder ersetzt werden und Profite erwirtschaftet werden), gleichzeitig aber die Nachfrage zumindest um ein oder eineinhalb Mio. Barrel pro Jahr steigt, dann sollte dieses Überangebot bald bereinigt sein. Wissen kann man auch das nicht, aber zumindest aufgrund der genannten Indizien vermuten.

      Wie auch immer es kommt, es war bisher wenigstens eine interessante und lehrreiche Lektion für mich :-)

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  2. Michael C. Kissig

    Schöner Artikel, Daniel.

    Die Deutsche Rohstoff AG sagt, sie (bzw. ihre beiden US-Töchter) würden auch bei WTI-Kursen von $35 mit Gewinn fördern. Dabei sind sie gerade erst wieder dabei, Flächen zu akquirieren und Testbohrungen abzuteufen.

    Was man bei den US-Frackern noch berücksichtigen muss ist, dass die überwiegend bis an die Hutschnur fremdfinanziert sind und bisher ihre Öl-Verkäufe noch gehedget hatten, zumeist um die $70. Diese Hedges laufen nun sukzessive aus und sie bekommen de volle Wucht des Preisverfalls zu spüren. Daher dürften viele in ernsthafte Schwierigkeiten kommen. Und die Hedges erklären auch, weshalb die US-Fracker noch auch Deibel komm raus produziert haben.

    Doch was passiert, wenn die Unternehmen nun in die Insolvenz schlittern? Die Fremdkapitalgeber, vor allem Hedgefonds und US-Banken aus dem Süden sowie Anleihegläubiger bleiben auf ihren Forderungen sitzen. Die Unternehmen werden entweder nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts entschuldet/umgeschuldet oder stellen die Produktion ein. Die Auswirkung ist im ersten Fall, dass sie ihre Kosten weiter gesenkt haben und noch günstiger fördern können. Im zweiten Fall reduziert sich die Fördermenge – der Preis steigt. Aber… die Bohrlöcher sind ja noch vorhanden und die Borhungen sind der teuerste Teil, das Fördern an sich verursacht nur minimale Kosten. Steigt der Ölpreis, gehen die vorhandenen Fracking-Ölquellen schnell wieder in Produktion, weil sich mit ihnen wieder richtig Geld verdienen lässt.

    Und dann haben wir noch den Iran, den vor den Sanktionen etwa 1,5 Mio. Barrel pro Tag mehr gefördert hat als heute. Und die Iraner werden keinesfalls auf dem niedrigen Niveau bleiben, sie werden ihre Produktion hochfahren, um endlich wieder Geld zu verdienen. Und sie werden ihre enormen Ölreserven schnell an den Markt bringen. Ein Einfrieren auf dem bisherigen Niveau wird es also nicht geben, sondern einen Anstieg um 1,5 Mio. Barrel. Deine Rechnung mit der Abnahme der US-Produktion von 1,6 Mio. Barrel dagegen gesetzt, spricht nicht für einen deutlichen Abschwung in der globalen Förderung. Und die Saudis haben nicht nur kein Interesse, die US-Fracker zu subventionieren, sondern auch keines, dem Iran zu mehr Einnahmen zu verhelfen.

    Einen nachhaltigen Anstieg des Ölpreises sehe ich also eher nicht, ich bin da sehr skeptisch.

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  3. Robert Michel

    Der niedrige Ölpreis zeigt doch, dass die Contrarians Recht behalten haben – die 2006 davon ausgegangen sind das der Ölpreis wieder zu seinem früheren Niveau zurückkehrt. Scherz beiseite: Ich denke das durch die Entwicklung in den letzten Jahren der Gleichgewichtspreis des Öl verändert hat. Die neuen Fördertechnologien stellen die Ölproduktion auf eine Basis die breit genug ist, dass die OPEC keine Preissetzungsmacht mehr hat. Letztes Jahr war dieser Umstand noch nicht ausreichend in den Aktienkursen eingepreist.

    Meines Erachtens war Ende 2014 die Markterwartung, das Ende 2015 der Ölpreis bei etwa 70 bis 80 Dollar steht. Damit lag deine Einschätzung meines Erachtens recht nahe am Marktkonsens. Du warst also nicht als einziger vom Ankereffekt betroffen.

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    1. Daniel

      „Die neuen Fördertechnologien stellen die Ölproduktion auf eine Basis die breit genug ist, dass die OPEC keine Preissetzungsmacht mehr hat.“

      Hey Robert, die Frage ist doch einfach Folgende: ist davon auszugehen, dass die weltweite Produktion (und insbesondere die US-Produktion) auf Dauer mit deutlich weniger rigs auf diesem Niveau gehalten oder sogar noch ausgebaut werden kann? Die historischen Daten im Artikel von mir zeigen, dass zumindest in der Vergangenheit rig count und Produktionslevel eine eindeutige Korrelation aufweisen.

      Wenn man davon ausgeht, dass das Produktionslevel nun trotz dem rig-count-Verfall zumindest gehalten werden kann, setzt man im Prinzip darauf, dass diese Korrelation mittlerweile nicht mehr besteht. Dafür habe ich bisher aber überhaupt keinen Anhaltspunkt gefunden.

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      1. Robert Michel

        Die Frage ist doch etwas komplizierter: Zwar mag die Förderung in den USA wieder zurückgehen. Das Fracking hat aber den bleibenden Effekt, dass sich der Marktmechanismus auf dem Ölmarkt geändert hat. 2006 bis 2014 konnte Saudi-Arabien den Ölpreis effektiv steuern. Änderungen in der Nachfrage wurden ausgeglichen, in dem Saudi-Arabien ihren Förderung entsprechend angepasst haben. Im neuen Paradigma wird der Förderung dadurch angepasst das die teuersten Produzenten aus dem Markt gedrängt werden. Die neuen Grenzanbieter werden also nicht die Saudis sein, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach die Fracker. Damit gibt es einen Deckel auf den Ölpreis, den es in der Periode zuvor so nicht gegeben hat.

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        1. Daniel

          Robert, ich verstehe Deine Argumentation. Implizit wollte ich aber auf etwas anderes raus: Waren davor die Grenzanbieter wirklich die Saudis? Oder doch eine ganze Reihe anderer mehr oder weniger privater Ölunternehmen, die weltweit agiert haben? Es ist ja nicht so, dass vor dem Frackingboom die OPEC alle Marktanteile hatte. Es gab davor auch schon eine ganze Reihe von nicht steuerbaren Mitspielern, die von anderen Interessen getrieben wurden als die OPEC.

          Den Marktmechanismus an sich sehe ich also nicht als verändert, es gibt nur eine zusätzliche Variable, nämlich die nachhaltigen All-In-Kosten (inklusive Kapitalkosten) der Fracker. Die Entwicklung des rig counts, die ich im Artikel behandelt habe, deutet aber zumindest darauf hin, dass diese All-In-Kosten weit über dem jetzigen Preis liegen.

        2. TomB

          Wenn ich mich kurz in diese Sub-Diskussion um Grenzanbieter einschalten darf:

          Der Witz an der OPEC, als sie noch funktioniert hatte, war ja, dass es den Grenzanbieter nicht wirklich gab, da es ja ein Kartell war. Meine Vermutung ist, dass sich ja auch diejenigen die nicht OPEC-Mitglieder waren zumindest nicht gegen die OPEC-Absprachen gewehrt, und somit STILLSCHWEIGEND mitgemacht haben (NOR, RUS, …).

          Mit den US-Frackern ist eine Partei aufgetaucht, die sich aber nicht nur nicht stillschweigend daran gehalten hat, sondern wirklich auf Marktanteile gegangen ist. Deren Aufstieg ist wahrscheinlich erst durch die künstlich knapp gehaltene Menge des Kartells und den damit verbundenen Preissteigerungen möglich geworden.

          Und mit den US-Frackern haben wir jetzt einen potenziellen neuen Grenzanbieter. Was Robert Michel beschreibt ist meines Erachtens sehr ernst zu nehmen: eine grundsätzlich neue Situation, in der die OPEC nicht mehr so mächtig ist.

          Bzw. selbst wenn sie die Fracker wieder raus drängen: steigt der Ölpreis zu stark, werden die Fracker wieder kommen. Ein ewiges Leben mit den Geistern, die sie riefen.

          Tom

        3. Daniel

          Tom, danke für die ergänzenden Erläuterungen.

          Grundsätzlich geht das dann glaube ich aber trotzdem in Richtung der folgenden Fragen: können OPEC und Konsorten ihre Produktion auch auf diesem Preislevel noch deutlich steigern, um einen Produktionsabfall in den USA aufzufangen? Wenn man davon ausgeht, so können wir noch lange tiefere Ölpreise sehen. Angesichts der Tatsache, dass auch international der rig count erheblich zurückgegangen ist, bezweifle ich das aber.

          Wenn man aber davon ausgeht, dass auch alle anderen mehr oder weniger am Anschlag produzieren und es nicht möglich ist, den Ausfall der Fracker zu kompensieren, muss der Preis wieder rauf (außer die Nachfrage geht deutlich zurück).

          Dann stellt sich nur die Frage, ab wann (welchem Preisniveau) die Fracker wieder kommen.

        4. TomB

          Stimmt. Was mich viel brennender interessiert, als diese kurzzeitigen Schwankungen (ich nehme mal an die nächsten 2-3 Jahre), interessiert mich:

          wo könnte sich langfristig ein Gleichgewichtsniveau einpendeln? Dazu sollte man ungefähr eine Meinung haben, sonst kann man Ölförderer gar nicht bewerten…

          Ich bin von diesem Preissturz genauso überrascht worden, war aber zum Glück nicht stark investierte (Shell habe ich eher zufällig vorher verkauft). Momentan habe ich aber absolut keine Ahnung wo so ein längerfristiger Gleichgewichtspreis sein könnte.

          Vielleicht bei den Förderkosten der US-Fracker? Knapp darunter?

        5. Daniel Koinegg

          Schwer zu sagen. Wenn man davon ausgeht, dass die Fracker sozusagen das Zünglein an der Waage sind, so sind deren All-In-Kosten inklusive fürstlicher Bedienung ihres Eigenkapitals möglicherweise ein Ansatzpunkt.

          Aber eine Gegenfrage: Muss man – vom jetzigen Zeitpunkt gesehen zumindest – unbedingt verlässliche Schätzungen hinsichtlich eines möglichen Preisgleichgewichts anstellen können, um überhaupt in den Sektor zu investieren? Oder kann man sich da auch mit verschiedenen Szenarien behelfen?

        6. TomB

          Vielleicht nicht. Die größten Renditen entstehen oft, wenn man zum Zeitpunkt des größten Pessimismus kauft.

          Das ist aber nicht unbedingt mein Investmentansatz. Ich möchte die Unterbewertung klar vor mir sehen (mir das zumindest einbilden ;-), was ich bei Ölwerten nicht kann, weil ich eben keine intelligente Annahme treffen kann. Zumindest nicht mit ausreichend hoher Wahrscheinlichkeit. Das ist überhaupt ein Grund warum ich kaum einmal Rohstoffwerte habe – ich kenne mich wahrscheinlich auch nicht gut genug aus.

  4. Daniel

    Hey Michael, danke auch für Deine Meinung.

    Zur Deutschen Rohstoff: ich verfolge die nicht so genau, darum muss ich auch hier einfach fragen… Wie sind die 35 Dollar zu verstehen? Heißt das, dass die Förderungen an sich profitabel sind (sprich es kostet weniger als 35 Dollar pro Fass, ihre jetzigen Felder auszubeuten)? Oder bedeuten 35 Dollar pro Fass sogar ein angemessenes Gewinnniveau auf Konzernebene (nach Abzug allen overheads) und einer Reservenersatzrate von mindestens 100%? Wie hoch ist die bei der DRAG derzeit eigentlich?

    Zur letzten Rechnung mit dem Iran: angenommen der Iran kommt mit 1,5 Mio. Barrel zusätzlich dazu, und die US-Produktion schrumpft um 1,6 Mio… bei einem weltweiten Nachfragewachstum von 1% p.a. ist in diesem Szenario in weniger als zwei Jahren die Überversorgung weg. Dann ist es nur mehr eine Frage der Zeit, wie lange es dauert, dass die inzwischen angehäuften Lagerbestände wieder auf ein früheres Niveau rückgeführt werden.

    Und wie gesagt: ich halte es einfach für sehr unwahrscheinlich dass die internationale Förderung NACHHALTIG auf dem jetzigen Level gehalten werden kann, wenn 17% weniger rigs im Einsatz sind als im Vorjahr und der Preis die Erschließung vieler neuer Felder nicht rentabel macht.

    Die von Dir beschriebene Interessenslage der Saudis ist schon nachvollziehbar. Sie haben aber auch vor allem das Interesse, nicht zum failed state zu werden. Genau das sind sie aber in zehn Jahren, wenn der Ölpreis auf diesem Niveau bleibt. Zum allermindesten ist es ihnen aber absolut unmöglich, ihren Standard zu halten und auch daran hat das Haus Saud ein Interesse.

    Was noch zusätzlich dazu kommt: im Prinzip muss man davon ausgehen, dass die jetzt ausgebeuteten Felder jene sind, die am leichtesten zugänglich sind/waren. Im Umkehrschluss ist der Rest der bekannten Reserven nur unter viel größerem Aufwand erreichbar. Entweder man findet aus heiterem Himmel (weil Geld für Exploration ist kaum da) viele neue, leicht zugängliche Reserven, die die alten ausgebeuteten ersetzen, oder man wird um ein mehrfaches effizienter (Geld für übertrieben viel F&E ist auch nicht da) oder der Preis muss wieder rauf.

    Reply
    1. Daniel

      @Michael: Noch etwas zu dem Argument mit den Insolvenzverfahren… man muss sich genau fragen, um wieviel die Kosten nach einem asset deal aus der Konkursmasse heraus wirklich sinken können. Man kann auf keinen Fall unterstellen, dass die Felder dann ohne (neue) Fremdfinanzierung weitergeführt werden. Klar, die Gläubiger der pleite gegangenen alten Fracker bleiben auf ihren Forderungen vielleicht sitzen. Derjenige, der das Feld dann übernimmt, braucht aber auch einen gewissen Fremdkapitalhebel um eine ansprechende Eigenkapitalrendite zu erzielen. Ein gewisser Teil der Zinslast wird dann gespart, wenn der neue Betreiber einer ist, der niedrigere Fremdkapitalkosten hat als der alte Fracker. Aber auch der hat das Problem, dass er dieses Feld nach ein paar Jahren wieder ersetzen muss.

      EDIT: Man darf nicht übersehen, dass aller Wahrscheinlichkeit die assets jener Fracker, die auf üppige Fremdkapitalhebel zurückgegriffen haben, wahrscheinlich solche sein werden, die mit nur moderaten FK-Hebeln und bei niedrigeren Preisen nicht im geringsten rentabel bearbeitbar wären. Von einer deutlichen Reduktion der Kosten nach einem Insolvenzverfahren würde ich also nicht ausgehen.

      Reply
  5. Florian Günther

    Hallo Daniel,

    sehr toller und fundierter Artikel. Es ist beeindruckend, wie tiefgründig Deine Analysen sind. Ich sitze mit Dir „in einem Boot“. Auch ich habe (zu früh) in Ölwerte investiert.
    http://fgcapital.de/schweinezyklus-nein-man-kann-das-nicht-essen/
    Ich habe ebenfalls versucht einen Blick auf die Ölpreisentwicklung zu werfen. Der vorherrschende „Schweinezyklus“ lässt mich jedoch positiv in die Zukunft blicken. Warren Buffett denkt offensichtlich ähnlich, hatte nur genügend Erfahrung um nicht bereits vor einem Jahr zu investieren, als die Preise bereits um 60 % gefallen sind….
    Selbst die tiefgründigste Analyse kann morgen falsch sein. Lasst mich mal ein paar Szenarien „reinwerfen“:
    – Ölexport Verbot für Rußland durch EU
    – Flächendeckende Bürgerkriege im Iran und Saudi Arabien
    – Massive geldpolitische Lockerungen in Asien, verbunden mit stark steigenden Produktionen
    Diese Punkte sind aus der Luft gegriffen und entbehren jeglicher Realität. Die Zukunft ist ungewiss. Ich kaufe Shell Aktien. Shell kann Öl jetzt günstig einkaufen und teuer an den Tankstellen verkaufen. Weiterhin positioniert es sich als weltgrößter LNG Produzent für die Zukunft.
    BG
    FLO

    Reply
    1. Daniel

      Danke Florian für Deinen Kommentar und auch für die freundlichen Worte.

      Bezüglich Buffett: der investiert aber soweit ich das ohne tiefergehenden Einblick sagen kann derzeit vor allem in Werte, bei denen er bei verschiedenen Ölpreisen gut verdienen kann. Pipelines und Raffinerien weisen ja andere Werttreiber auf als „nur“ den Ölpreis, oder?

      Reply
  6. Marfir

    Hi Daniel,

    ist es für ein Fazit deines Investments nicht noch zu früh? Das market timing nicht klappt wissen alle Investoren. Das war aber nicht dein Ziel?

    Es war auch vorher schon bekannt, dass Fracking-Bohrlöcher nach 2 Jahren erschöpft sind. Also kann man den Effekt erst nach 2 Jahren beobachten. Statt dessen sind alle enttäuscht das bis dahin die Fördermenge gestiegen ist.
    Auch scheint keiner so richtig mit zu bekommen dass offshore Öl völlig unrentabel ist. Die offshore driller bekommen keine Neuaufträge mehr. Offshore Öl macht aber rund 10% des weltweiten Angebots aus. Auch die OPEC braucht offshore Öl. So viel kann der Iran onshore gar nicht zusätzlich fördern, um für immer einen Preis bei 30 USD/Barrel zu halten.

    Reply
    1. Daniel

      Hey Marfir! Die im Artikel behandelten Überlegungen decken nur die erste Investitionsentscheidung ab. Ich habe ja einen größeren Teil meiner Ölwerte (Apache, BP, Transocean) schon gekauft, als der Ölpreis noch viel, viel höher war. Ich wollte also nur die erste Phase analysieren und habe eben abgeleitet, dass ich wahrscheinlich damals weniger gewusst habe als der Markt (wenngleich ich nach wie vor davon überzeugt bin dass niemand die Heftigkeit des Absturzes vorhersehen konnte). Wenn man weniger weiß als der Markt, ist es ein Fehler zu investieren. Außerdem war die hohe Gewichtung bereits zu Beginn aus den im Artikel genannten Gründen wahrscheinlich ebenfalls ein unforced error.

      Davon streng zu trennen ist natürlich die Frage, was man während der Talfahrt machen hätte können und vor allem, was die korrekte Entscheidung ist, nachdem man den ganzen Weg nach unten schon mitgegangen ist. Ist ja wie beim Poker: die Entscheidung am Turn und am River sind völlig unabhängig davon, wie viel man preflop schon reingebuttert hat.

      Hier stellt sich eben die Frage, ob man davon ausgeht, dass dieses Preislevel nachhaltig ist. Wenn man glaubt, dass es so bleibt oder gar noch weiter runter geht muss man unabhängig von den bisherigen Verlusten rausgehen.

      Ich persönlich gehe aus den von mir und jetzt auch von Dir noch zusätzlich genannten Gründen nicht davon aus, dass es so bleiben kann. Insofern bleibe ich engagiert. Größere Nachkäufe kommen aber wegen der bereits hohen Gewichtung nicht mehr in Frage.

      EDIT: Und letzteres ist auch etwas, das ich in Zukunft verbessern könnte.

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      1. Marfir

        Hi Daniel,

        auch für deine BP, Apache und Transocean ist das Fazit noch zu früh. Vielleicht ist Transocean erst in 3 Jahren Pleite. Vielleicht steigt der Ölpreis in 6 Monaten auf 200 USD/Barrel, nach dem der IS Produktionsanlagen von SA beschossen hat. Niemand kennt die Zukunft. Ich denke hier müssen noch ein paar Jahre vergehen, bevor man eine Auswertung machen kann. Auch ist es schwer vorab zu sagen wie stark BP unter Ölpreisen von 30 USD für 2 weitere Jahre leiden würde.
        Oder die Abschreibungen, die auch Apache vornehmen musste. Die kommen bei höheren Preisen wieder rein. Nicht der gesamte EK-Verlust ist permanent.

        Eine hohe Gewichtung ist vielleicht der einzige Fehler. Aber irgend wo menschlich. Du wolltest von der Chance eben ordentlich profitieren. Dummerweise musst du nun sehen, dort wo es lohnt, kräftig nach zu kaufen. Andern falls wird dein hoher Einstiegskurs später nicht zum Gewinn führen.

        Es gibt noch einen Grund. Durch die höhere fracking-Förderung hat die USA weniger Öl (gewonnen aus Teersand) aus Kanada importiert. Wenn der Preis so niedrig bleibt, dann geht ein Teil des kanadischen Exports wieder in die USA. Und Teersandprojekte sind ohnehin teuer. Die lohnen bei 30 USD/Barrel nicht, d.h. erschöpfte Felder werden nicht mehr ersetzt. Aktuell hilft allerdings der sehr schwache CAD, dass zumindest die reine Förderung profitabel bleibt. Insgesamt sind das ca. 1,5 Mio. Barrel pro Tag, die über einen langen Zeitraum wegfallen würden.
        Kanada hat durch Teersand die 2. größten Ölreserven der Welt. Es wurde vor dem Ölpreisverfall oft beteuert, dass man eigentlich in den nächsten Jahrzehnten ein neues SA entdecken müsste, um den weltweiten Verbrauch zu decken. Jetzt erzählt man das Gegenteil.
        Hm, irgend wie passt das nicht zusammen.

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      2. Daniel Koinegg

        Marfir, zunächst muss ich mal die Gelegenheit beim Schopf packen und Dir ein Kompliment aussprechen. Du hast einen wirklich beeindruckenden Wissensschatz im Rohstoffsektor. Respekt!

        Danke übrigens auch für die neuerlichen ausführlichen Gedanken.

        Wie gesagt: ich will kein Fazit ziehen. Dazu ist es noch viel zu früh, da gebe ich Dir völlig Recht. Ich will mir nur über Folgendes Gedanken machen: war der erste Einstieg entgegen dem damaligen Marktkonsens und mit der damals schon hohen Positionsgröße vertretbar oder wäre ich mit besserer Recherche auch zum Schluss gekommen, dass die Annahmen hinsichtlich des Ertragsniveaus, das die Ölunternehmen in absehbarer Zeit erreichen können (was ja der Markt bezweifelt hat) zu optimistisch waren. Alles, was nach diesem ersten Einstieg passiert ist, muss separat betrachtet werden. Ich möchte meine Investmententscheidungen nicht in einem Guss beurteilen, dazu ist so eine Entscheidungskette viel zu lang und komplex.

        Ich gebe Dir außerdem Recht, dass niemand die Zukunft kennt. Weder bei Öl, noch sonst wo. Um aber auf Dein Beispiel mit dem IS zurückzukommen: Wäre das nicht eher ein Black Swan Ereignis? Und wenn ja, macht das Auftreten eines solchen Ereignisses eine frührere, inkorrekte Entscheidung korrekt? Ich glaube nicht. Das ist ja das Schwierige an der Selbstreflexion in der Investmentwelt: nur weil der Kurs einer Aktie steigt, heißt das nicht, dass es eine kluge Entscheidung war, sie zu kaufen und vice versa.

        Noch ein Gedanke zu den Einstandskursen: Meines Erachtens sind ursprüngliche Einstandskurse – abgesehen von steuerlichen Überlegungen – irrelevant. Ich muss die Situation ja immer vom jetzigen Zeitpunkt aus beurteilen.

        EDIT: Aus all diesen Gründen wehre ich mich ja auch so strikt gegen ergebnisorientierte Beurteilung meiner Entscheidungen. Ich will konservative Annahmen treffen und aufgrund dieser Annahmen Investmententscheidungen tätigen. Von Zeit zu Zeit will ich dann überprüfen, ob a) diese Annahmen eingetreten sind und b) ob vergangene Annahmen vielleicht aufgrund schlampiger Recherche doch nicht so konservativ waren. Wenn ich regelmäßig zur Einsicht gelange, dass die Annahmen konservativ waren und auch mit einer gewissen Regelmäßigkeit so eintreffen, dann kann ich zufrieden sein. Meistens – aber auch nicht immer – wird sich das konkret auch im Kursverlauf widerspiegeln.

        Davon strikt zu trennen ist meiner Meinung nach aber der konkrete Kurserfolg eines bestimmten Investments. Darum finde ich es auch wichtig, regelmäßig nachzudenken und nicht mehrere Jahre damit zuzuwarten. Ansonsten würde ich möglicherweise Gefahr laufen, einfach den konkreten Kursverlauf als proxy für die Sinnhaftigkeit der Entscheidungen zu verwenden. Dann würde ich aber höchstwahrscheinlich völlig unabhängig vom outcome nichts daraus lernen.

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        1. Marfir

          Hi Daniel,
          vielen Dank! :-)

          Einen Schwarzen Schwan sollte man mit in Betracht ziehen. Nicht um darauf zu wetten. Sondern sich so zu positionieren, dass er keinen oder nur geringen Schaden verursacht. Am Besten natürlich, in dem man davon profitiert. Wenn die Straße von Hormus dicht ist, dann profitierst du davon. Für alle anderen ist es ein Schwarzer Schwan.
          Das macht frühere Fehlentscheidungen nicht besser, aber man kommt ggf. mit einem blauen Auge davon.

          Dann Reflektiere mal über Positionsgrößen in einem Artikel. Ich bin gespannt. :-)

  7. Moritz

    Toller Artikel und schön zu sehen, dass du deine Recherchen im Ölbereich ausweitest. Verlässt du dich auf die Richtigkeit der Zahlen, gerade im asiatischen Raum oder hast du weitere Sekundärquellen zu den Zahlen von Baker Hughes? Könnte die Zunahme der Produktion im afrikanischen Raum gepaart mit einem politisch stabileren Umfeld den Ölpreis langfristig drücken? Für mich stand relativ früh fest, dass hier viel zu viele Variablen (politischer Wille, Wirtschaftskriege, etc.) in den Ölpreis mit einfließen, ich von den Zusammenhängen keine Ahnung habe und dementsprechend das Risiko für mich als Laien, auf diesem Gebiet falsch zu liegen, stark erhöht ist. Deshalb bin ich selbst nicht (direkt) in der Branche investiert, versuche aber an der eventuellen Erholung des Ölpreises durch Dienstleister wie ITE und ALS zu partizipieren.
    Hast du dich mal im Servicebereich Richtung TGS Nopec, Pulse Seismic und Core Laboratories (mal unabhängig vom inneren Wert) umgesehen? Könnte in Richtung „heads I win, tails I don’t lose much“ und Buffetts Midstream Investment(s?) gehen.
    Investmentthesen regelmäßig auf weitere Relevanz zu testen, finde ich ebenfalls sehr wichtig um ursprüngliche Fehler aufzudecken.
    Mir hilft es immer mal wieder, Beweise für die Gegenthese zu suchen („kill your own story“).
    Von welchem Zeitrahmen für eine Ölpreiserholung gehst du in deiner Investmentthese aus?

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    1. Daniel

      Servus Moritz!

      Die im Artikel verwendeten Zahlen zum rig count sind nur auf die USA bezogen.

      Zu Deiner Frage bezüglich Afrika: Das ist für mich nicht beantwortbar. Wenn man von einem baldig gebesserten politischen Umfeld auf dem afrikanischen Kontinent ausgeht, sollte man hier womöglich genauer recherchieren (wo sind weitere Reserven, wer ist dort an der Macht, usw). Dann müsste man aber wiederum überlegen, wie viel zusätzliche Nachfrage dadurch entstehen könnte.

      Ich persönlich sehe aber vor allem Nigeria bei weitem nicht auf dem Weg zu mehr Stabilität.

      Zum Servicebereich: Ja, die Schöller-Bleckmann AG fällt für mich in diese Kategorie.

      Zum Zeithorizont: ich habe im Artikel selbst geschrieben, dass eigentlich innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre Angebot und Nachfrage besser ins Gleichgewicht kommen sollten. Dann stellt sich noch die Frage, wie lange es dauert, bereits vorhandene übermäßige Lagerbestände abzubauen. Eigentlich sollte sich der Preis aber während diesem Vorgang schon zumindest etwas erholen – in welche Bereiche kann ich aber beim besten Willen nicht sagen.

      Reply
  8. TomB

    Daniel, unabhängig von meinem oberen Kommentar: guter Artikel!

    Vor allem die kritische Reflexion, wenn man Fehler gemacht hat, ist sehr, sehr wichtig für den Langzeit-Erfolg (auch wenn noch nicht erweisen ist, dass es ein Fehler war 😉

    Hut ab und danke,
    Tom

    Reply
    1. Daniel

      Danke Tom.

      Das Schwierige hier ist ja gar nicht so, dass man quasi öffentlich Fehler zugibt. Es ist sehr schwer wirklich rational zu beurteilen, was ein Fehler war und was nicht. Eigentlich fehlerhafte Entscheidungen können fallweise trotzdem zu guten Renditen führen und vice versa, d.h. nicht immer korrelieren gute/schlechte Entscheidungen mit Erfolg/Misserfolg.

      Reply
      1. TomB

        Wenn ich mit allen meinen Fehlern jene Performance gemacht hätte, die ich verdient hätte, würde meine Langzeitperformance um einiges schlechter aussehen.

        Ich hatte einige Male Glück, von dem man andererseits aber auch nur profitieren kann, wenn man mit einer Sicherheitsmarge arbeitet 😉

        Eine finale Beurteilung, ob man Glück hatte oder nicht, ist oft erst Jahre später möglich…

        Reply
  9. Det

    Hallo Daniel
    Ich würde erstmal in Branchen die am Öl / Gas Markt beteilgt sind unterscheiden . Also NUR Förderung/Exploration
    oder auch NUR Vertrieb/Netz , oder NUR Zulieferer , oder NUR Verteiler/Kapitalgeber oder Firmen die alles machen z.b.. Shell , OMV und einige weitere . Ich bin jedenfalls auch ein wenig in diese UN Investiert , und sehe hier keinerlei Handlungsbedarf , ausser evt. nochmal etwas nachzukaufen .
    Bei der Frage der Rigs , würde ich mal einen Vergleich mit Früher wo es noch TANTE EMMA Läden gab anstellen. Hier war es auch so , das der Discounter , genau diesen kleinen Laden vertrieben hat.
    Und dieses manchmal auch , unter seinen Selbstkostenpreis . Dieses nennt man Wettbewerb .
    Hier würde ich eine Parallele sehen. Also wenn die OPEC es erstmal geschafft hat , den Fracker aus dem Markt zu werfen , kann ja die OPEC seine Preissetzungsmacht doch viel leichter Erfolgreich durchsetzen , wie mit einigen Mitbewerbern an seiner Seite . Der Mitbewerber stellt seine Investitionen ein , ( Verschwinden der Rigs ) und dannach ist es für den übrig gebliebenen doch viel einfacher
    seinen Wunschpreis durchzusetzen , wie mit Mitbewerbern . Irgendwann später , wenn der Preis bereits wieder stark angestiegen ist , kommen die Fracker wieder , sagen : KAPITALGEBER , gebt uns Geld , Wir können das doch viel billiger ,
    und was glaubst Du , was die Kapitalgeber dann sagen werden ??? . Aber nach einer weiteren Zeit , wenn das schlimmste vergessen ist , kommen auch diese UN wieder zu Geldgebern , und dann jedoch mit anderen Vorraussetzungen . So wäre hier meine Sichtweise . LG Det

    Reply
    1. Daniel

      Hallo Det, danke für Deinen Kommentar.

      Du hast völlig Recht. Es ist sehr wichtig, zwischen den unterschiedlichen Geschäftsmodellen zu differenzieren. Da sind zum Teil konträre Werttreiber entscheidend.

      Die Analogie mit dem Tante-Emma-Laden gefällt mir.

      Reply
  10. Nico

    Hab nochmal was cooles gefunden. Bloomberg its einfach immer wieder stark, wenn es um die Darstellung solcher Themen geht. Man kann echt nur dankbar sein, dass sie vieles gratis zur Verfügung stellen. Ich würde gerne mal wissen, was man in dem Terminal sonst noch alles so findet.

    Bemerkenswert sind die drei Graphen unter der Landkarte:

    http://www.bloomberg.com/graphics/2016-oil-rigs/

    Reply
    1. Daniel Koinegg

      Ist ne coole Grafik, danke Nico.

      Ich hatte beruflich mal mit nem Bloomberg-Terminal zu tun. Das ist wirklich ein bemerkenswertes Ding, obwohl ich es als Investor nicht brauche. Da wäre die Informationsflut und vor allem die Schnelligkeit des Informations- und Kursflusses wahrscheinlich sogar kontraproduktiv.

      Reply
  11. Nico

    Ich habe gehört, dass manche Unibibliotheken Zugang dazu haben. Vielleicht kann ich darüber ja mal was erhaschen. Mich interessiert vor allem, wie dort Fundamentaldaten von Unternehmen dargestelt werden und wie man dort screenen kann. Kann mir vorstellen, dass dort recht komplexe Suchabfragen tätig sind, die man so schnell nicht mit Gratisscreener hinbekommt.

    Reply
    1. Daniel Koinegg

      Die Fundamentaldatenaufbereitung hat mir damals ganz gut gefallen. Natürlich kriegst Du da alles was Du brauchst und kannst Dir auch extrem viel individuell konfigurieren.

      Aber ich bin trotzdem der Meinung, dass man das nicht haben muss. Die üppigen Datenmengen geben einem da vielleicht etwas zuviel falsche Sicherheit und den falschen Eindruck einer Genauigkeit die nicht existiert.

      Reply
        1. Nico

          Bei meiner Wochenedlektüre bin ich auf ein paar Dinge gestoßen, mit denen ich dir ein bisschen Mut machen möchte -auch genug andere Menschen hatten mit Timing beim Öl nicht das beste Händchen:

          http://www.bloomberg.com/news/articles/2016-03-11/a-short-history-of-unsuccessfully-calling-a-bottom-in-oil-chart

          Und noch einer:
          I bought a large amount of ConocoPhillips stock when oil and gas prices were near their peak. I in no way anticipated the dramatic fall in energy prices that occurred in the last half of the year. I still believe the odds are good that oil sells far higher in the future than the current $40–$50 price. But so far I have been dead wrong. Even if prices should rise, moreover, the terrible timing of my purchase has cost Berkshire several billion dollars. (Buffett, Annual Report 2008)

  12. Nico

    Mehr und mehr nährt sich jedenfalls bei mir der Gedanke, dass diese ganze stranded asset Diskussion nicht völlig verkehrt ist. Zumindest was Öl-Förderer angeht, könnten angesichts der Antriebsentwicklungen, insbesondere wegen der E-Mobilität, fundamentale Änderungen bevorstehen.

    Wahrscheinlich ist dein Gedanke dann ganz richtig, sich die Ausstatter anzuschauen.

    Reply

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