Investorenprofil: Irving Kahn

Heute möchte ich in einem kurzen Beitrag einen Investor vorstellen, für den ich aus zwei verschiedenen Gründen große Bewunderung empfinde. Der erste und einfachere Grund ist, dass ich generell Respekt vor Value Investoren habe, die über lange Zeit geduldig und diszipliniert eine einfache Strategie anwenden und damit äußerst zufriedenstellende Renditen auf ihr eingesetztes Kapital erwirtschaften. Der zweite Grund hat mit dem Alter, der Arbeitseinstellung und dem Lebenswandel des in diesem Artikel behandelten Investors zu tun.

Allgemeines

Irving Kahn hat vor gut einer Woche seinen 109. Geburtstag gefeiert und kann mittlerweile auf eine über 85 Jahre währende Investmentkarriere zurückblicken. Diese hat er – wie könnte es besser sein – als Mitarbeiter von Benjamin Graham begonnen, den er unter anderem als Assistent in dessen Unterricht unterstützt hat. Abgesehen von seiner Tätigkeit als Investor hat sich Kahn Zeit seines Lebens in der Ausbildung von Wertpapieranalysten engagiert. Die Langlebigkeit scheint in der Familie zu liegen, wenn man sich das Alter der anderen Familienmitglieder (d.h. von Kahns Brüdern und Schwestern) ansieht.

Das von „Kahn-Brothers“ verwaltete Vermögen beläuft sich insgesamt auf knapp eine Milliarde US-Dollar. Der Senior kommt nach wie vor an so gut wie jedem Wochentag ins Büro und „arbeitet“ dort. Diese Tatsache beeindruckt mich besonders und zeigt meines Erachtens, wie erfüllend es sein kann, sich eine Berufung auszusuchen, die einem Spaß macht und die man quasi altersunabhängig ausüben kann. Umso mehr freut es mich persönlich, dass ich die Zuneigung zu dieser Berufung ebenfalls teile.

Investmentstil

Irving Kahn sieht das Investmentgeschäft eher als Kunst, denn als eine Wissenschaft, allein schon deswegen, weil man das Phänomen der Inspiration immer wieder beobachten kann. Das berühmteste Beispiel hier dürfte wahrscheinlich der Einfluss von Graham auf Buffett sein. Abgesehen davon bringt er in einem Interview auch seine Überzeugung zum Ausdruck, dass man in diesem Geschäft nicht alles in Formeln und Gleichungen pressen kann und dass all jene, die davon voreingenommen seien, wahrscheinlich mit zunehmendem Alter noch einiges lernen werden.

Wenig überraschend wird in den von mir verwendeten Quellen hauptsächlich der Einfluss Benjamin Grahams auf Kahns Investmentstil erwähnt. Kahn verfolgt einen typischen „bottom up“-Ansatz, das heißt, es wird losgelöst von makroökonomischen Vorüberlegungen Unternehmen für Unternehmen betrachtet und daraufhin untersucht, ob dessen Preis und innerer Wert so weit auseinanderklaffen, dass eine hinreichende Margin of Safety gewährleistet ist. Die wichtigsten Anlagekriterien sind vor allem der Wert der Assets, die operative Performance sowie die langfristigen Geschäftsaussichten. Daneben bevorzugt Kahn Unternehmen, deren Aktien zumindest zum Teil vom Management gehalten werden sowie Gesellschaften mit wenigen oder gar keinen Schulden. Wenig Augenmerk wird auf die spezifischen und individuellen Wachstumschancen gelegt, weil in der Regel diese Perspektiven weithin bekannt und dementsprechend eingepreist sind.

Sein Anlagehorizont beträgt mehr als drei Jahre und Kahn wird nicht müde, zu betonen, wie lange es manchmal dauern kann, bis sich die Diskrepanz zwischen Preis und Wert schließt, wie wichtig Geduld in der Geldanlage ist und wie es sich auszahlen kann, als „contrarian“ gegen den Marktkonsens zu sein. Außerdem hebt er sein Interesse an „Small Caps“ und obskuren Unternehmen hervor.

Seine Ideen findet Kahn beispielsweise, indem er Aktienlisten mit historischen Tiefstständen (52-Wochen-Lows oder ähnliches) betrachtet. Eine andere Methode ist die Lektüre des Wall Street Journals und die Suche nach Branchen und individuellen Unternehmen, die derzeit Probleme haben.

Eigene Gedanken

In den nun folgenden eigenen Gedanken möchte ich versuchen, eine Brücke zu einem anderen großartigen und wesentlich bekannteren Investor zu schlagen und erläutern, weshalb ich persönlich mich ganz besonders für all jene Investoren interessiere, die (meist gewollt) im Schatten des übermächtigen und alles überragenden Warren Buffett stehen. Jeder Investor will wahrscheinlich so sein, wie er. Der Grund dafür ist schlicht und einfach der, dass Buffett der Erfolgreichste und auch der Sichtbarste seiner (unserer) Zunft war und in meinen Augen angesichts der enormen Kapitalmengen, die er in Verwaltung hat, noch immer ist. Da ist es nur verständlich, dass man am liebsten seine Strategie und Prinzipien für das eigene Portfolio kopieren will. Dieser Wunsch wird noch zusätzlich dadurch genährt, dass Buffett selbst immer wieder betont, wie einfach seine Strategie doch ist. Man soll einige wenige Unternehmen, die man versteht, die dauerhafte Wettbewerbsvorteile und hohe Eigenkapital- und Gesamtkapitalrenditen aufweisen und die ein ehrliches Management haben, zu einem guten Preis kaufen. Dann muss man nur noch ein paar Jahrzehnte warten und kann gar nicht anders, als steinreich zu werden. Diversifikation spielt in diesem Umfeld auch nur eine untergeordnete Rolle.

Aus meiner Sicht kann es ziemlich gefährlich sein, sich zu sehr auf dieses auf den ersten Blick einfache Mantra zu versteifen. Ich meine, dass Buffetts Strategie viel schwerer sinnvoll anzuwenden ist, als die allermeisten unter uns Value Investoren wahrhaben wollen. Ich glaube beispielsweise nicht, dass ein durchschnittlicher IQ – so wie Buffett es immer betont – dafür ausreichend ist, um hervorragende Investmentresultate mit seiner Strategie zu erzielen. Wieviele Menschen können realistischerweise so viel über eine bestimmte Branche wissen und davon auch verstehen, wie Buffett über das Versicherungsgeschäft? Wenn man ehrlich ist, belügt man sich außerdem wahrscheinlich selbst, wenn man seinen Circle of Competence absteckt. Außerdem kann es meiner Meinung nach ziemlich riskant sein, durch Anwendung der „Buffett-Strategie“ den Blick auf ebenso wichtige Dinge wie die finanzielle Stabilität sowie den Wert der Vermögensgegenstände des Unternehmens zu verlieren und sich nur auf die Ertragsseite sowie die Qualität der Ertragssteigerungen zu konzentrieren. Freilich, wenn man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen kann, dass das Unternehmen einen Moat hat, dass dieser auch über die nächsten Jahre hinweg hält und außerdem ein gutes Management am Ruder dieses Unternehmens sitzt, braucht man sich kaum Gedanken über die Bilanz der Gesellschaft machen. Aber ich werfe die Frage (nicht zuletzt auch selbstkritisch) noch einmal auf: wieviele von uns können das wirklich?

Aus all diesen Gründen möchte ich mich immer wieder darüber informieren, mit welchen Vorgangsweisen andere, weniger beachtete, Anleger ebenfalls erwiesenermaßen Erfolge feiern. Irving Kahn ist einer von ihnen und es kann wahrscheinlich nicht schaden, ein paar Prozent des „persönlichen Zeitportfolios“ auf das Studium seiner Strategie zu verwenden, selbst wenn das zu Lasten des großen Warren Buffett geschieht. Wenn man das tut und hinter den Nebel blickt, den Buffetts enormer Erfolg zusehends aufwirbelt, lässt sich bei Kahn und vielen anderen Investoren ein gemeinsamer Nenner in ihrer Strategie entdecken, nämlich der Kauf eines Bündels von in Relation zu ihren Assets billigen, unbeliebten und wenig verschuldeten Unternehmen und das geduldige Warten auf bessere Zeiten. Und ich behaupte, dass sich dieser Ansatz wesentlich leichter durch einen „normalen“ Investor praktizieren lässt, als die konventionelle „Buffett-Munger-Strategie“. Zumindest ist das Risiko geringer, dass man durch Selbstüberschätzung wirklich schlechte Resultate erzielt.

Verwendete Quellen (gesammelt)

http://de.wikipedia.org/wiki/Irving_Kahn

http://basehitinvesting.com/99-year-old-irving-kahn-discusses-his-investment-philosophy/

http://www.bengrahaminvesting.ca/Resources/Audio_Presentations/2005/Kahn_2005.mp3

http://www.valuewalk.com/irving-kahn-resource-page/

 

5 Kommentare Investorenprofil: Irving Kahn

  1. Marfir

    Danke für den interessanten Artikel!

    Zu deiner Frage „wie viele von uns können das wirklich“. Vermutlich nur wenige, weil man auf vielen Gebieten richtig gut sein muss. Aber ein hoher IQ gehört meiner Meinung nach nicht dazu.

    Denn
    1.
    Geduld hat man oder nicht. Mehr Intelligenz hilft einem nicht beim Warten auf bessere Tage. Da hilft nur Selbstdisziplin und emmotionale Ausgelassenheit.

    2.
    In neue Branchen kann man sich einlesen und sich damit nach und nach einen größeren Kompetenzkreis erschließen. IQ ist nicht mit Wissen gleichzusetzen, sondern misst auch andere menschliche Fähigkeiten (z. B. Kombinatorik).

    3.
    Den eigenen Kompetenzbereich sicher einzuschätzen kann man mit vielen „warum?“ Fragen überprüfen oder man erklärt es jemand anderem. Hohe Intelligenz ist dazu auch nicht nötig.

    4.
    Den Fokus nicht zu verlieren hat auch nichts mit hohem IQ zu tun. Eher etwas mit Selbstorganisation und Konzentrationsfähigkeit.

    Ich bin gespannt wen du noch so vorstellst! :-)

    Reply
    1. Daniel

      Hey Marfir,

      Deinen Argumenten ist einiges abzugewinnen. Insbesondere die Punkte 1 und 4 kann ich eigentlich unkommentiert stehen lassen, weil ich derselben Meinung bin.

      Wenn man sich die erfolgreicheren und sichtbareren Investoren so ansieht, ist aber trotzdem eigentlich quer durch die Bank von einer herausragenden Intelligenz (verglichen mit der Gesamtbevölkerung) auszugehen. Sehr vielen ist auch gemein, dass sie auf eine starke akademische Laufbahn zurückblicken (wenn auch nicht immer in Ökonomie als Hauptfach). Das rührt definitiv nicht nur von Disziplin, sondern auch von der Begabung her.

      Von mir aus müssen wir das auch nicht Intelligenz nennen und am IQ messen. Allerdings finde ich schon, dass ausgezeichnete intellektuelle Fähigkeiten (vor allem eine rasche Auffassungsgabe) notwendig sind, um sehr gute Investmentresultate vor allem mit Buffetts qualitativem Ansatz erzielen zu können. Allein die schiere Informationsflut, die verarbeitet und die in relevant und irrelevant geteilt werden muss, sowie definitiv vorhandene globale Zusammenhänge, die erkannt und begriffen werden sollten, erfordern einen überdurchschnittlichen Intellekt.

      Der springende Punkt ist natürlich, und da decken sich unsere Meinungen ebenfalls, dass ein brauchbarer Intellekt allein nicht ausreichend ist, sondern noch weitere Charaktereigenschaften wie eben Geduld und Disziplin erforderlich sind. Das ändert meines Erachtens aber nichts daran, dass es ohne gute Auffassungsgabe nur mit Geduld und Disziplin allein auch nicht geht. Es braucht eben beide Vorzüge in entsprechendem Ausmaß.

      Worauf ich eigentlich hinauswollte: meiner Meinung nach ist ein quantitativerer und weniger an den qualitativen Merkmalen eines Geschäftsmodelles ausgerichteter Investmentansatz eher vom „Normalsterblichen“ mit zufriedenstellendem Erfolg praktizierbar, als der Buffett-Munger-Ansatz, dem aber mittlerweile fast alle (insbesondere die Neulinge) nacheifern. Man wird zwar aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die 50% p.a. erzielen, die sich Buffett einmal zugetraut hat, wenn er nur kleine Summen zu verwalten hätte, aber die Gefahr, dass man sich durch einen Fehler nach Selbstüberschätzung oder mangelhafter Recherche völlig versenkt, ist ungleich geringer.

      Zu guter Letzt geht es meiner Meinung nach auch darum, dass man als wahrer Contrarian (oder wie auch immer man das nennen will) versucht, sich auch von der Mehrheit im eigenen Lager zu distanzieren. Es reicht vielleicht nicht mehr aus, nur Value Investor zu sein, es könnte vielmehr auch erforderlich sein, sich strategisch von der Mehrheit der Value Investoren abzugrenzen. Aus meiner Sicht hängen die meisten Value Investoren eben dem qualitativen Ansatz an, vergessen auf die Bilanz und laufen so Gefahr, zu viel für Qualität und Moats zu bezahlen.

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      1. Marfir

        Hallo Daniel,

        ich würde deine Beobachtung der Realität mal so interpretieren:

        Wer es geschafft hat ein Studium erfolgreich abzuschließen, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit wohl auch intelligent sein und sich selbst organisieren können. Eine hohe Auffasungsgabe und logisches Denken sind für ein Studium ebenfalls notwendig. Es gibt also nicht intelligente Star-Investoren, weil hohe Intelligenz notwendig ist, sondern weil dies ein zufälliges Selektionskriterium ist. Wer studiert hat, der bringt bereits ein paar wichtige Dinge mit. Und beim Einstellungsgespräch macht sich ein Studienabschluss sicher auch besser als ein Hauptschulabschluss.
        Damit gehst du sicher mit?

        Der qualitative Ansatz hat in der Tat das Problem, dass stehts die Masse auch bereit sein muss, mehr zu bezahlen. Sonst bekommt man seine eigenen Aktien nicht teuer genug los. Und die Qualität muss das Unternehmen auch stetig liefern, sonst war der Aufpreis für die Katz.
        Was aber soll der quantitative Ansatz sein? Ein Portfolio mit vielen Aktien, wo man nicht weis was man da genau gekauft hat?

        Reply
      2. Daniel

        Für mich ist ein quantitativerer Ansatz ungefähr das, was ich mit meinen cigar butts mache und was beispielsweise Walter Schloss über ein halbes Jahrhundert lang praktiziert hat. Man kauft einen Haufen Unternehmen, wo jedes für sich genommen in Relation zu den Vermögenswerten billig ist, die wenig oder gar keine Schulden haben und wo zumindest keine offensichtlichen red flags a la riesige Optionspakete oder ähnliches vorhanden sind. Dann wartet man ein paar Jahre. Bei so einer Vorgangsweise glaube ich tatsächlich, dass es mehr auf Fleiß und Disziplin ankommt, als auf herausragende intellektuelle Fähigkeiten. Im Gegensatz dazu braucht es derartige intellektuelle Fähigkeiten schon, wenn man sich Unternehmen in die Tiefe ansieht, ihre Wettbewerbsmerkmale analysiert und versucht, sich die Entwicklung dieser Unternehmen mehrere Jahre in die Zukunft vorzustellen.

        Und nein, ich möchte nicht so interpretiert werden, dass ich der Auffassung wäre, jeder, der es geschafft hat, ein Studium abzuschließen, wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit nach intelligent. Davon sind wir weit entfernt. Ich habe geschrieben, dass sehr viele herausragende Investoren auf eine „starke akademische Laufbahn“ zurückblicken können. Damit meine ich nicht einen einzelnen Abschluss auf irgendeiner Provinzuni, wie ich auch einen mein Eigen nennen kann, sondern einen Abschluss a la „Harvard summa cum laude“. Sowas geht meiner Meinung nach nicht nur mit Fleiß und Disziplin. Darum habe ich derartiges als Indiz dafür hergenommen, dass auch entsprechender Intellekt vorhanden war/ist.

        Wir können aber auch das Pferd von einer anderen Seite aufzäumen und eine Liste all jener Investoren erstellen, die uns beide prägen und uns für jeden einzelnen fragen, ob anhand ihrer Äußerungen, der beruflichen oder vielleicht sogar akademischen Laufbahn, und anhand ihrer Veröffentlichungen davon auszugehen ist, dass sie überdurchschnittlich intelligent bzw. mit einer raschen Auffassungsgabe und guten logischen Fähigkeiten gesegnet waren/sind. Dann können wir uns überlegen, ob sie ihre Erfolge auch ohne diese Fähigkeiten nur mit Geduld, Fleiß und Disziplin erreicht hätten. Wollen wir wirklich behaupten, dass Graham, Buffett, Klarman, Icahn, Einhorn und Co, um nur ein paar zu nennen, ihre Erfolge nur durch Fleiß und harte Arbeit, und nicht durch ihre Brillianz erreicht haben?

        Reply
        1. Marfir

          Einige mögen brilliant sein. Wenn man nur die Star-Investoren betrachtet trifft das vielleicht auch immer zu. Man müsste eher abseits des Star-Investoren-Hypes nach erfolgreichen Investoren suchen, um eine rundum Betrachtung zu bekommen. Da kenne ich aber zu wenig (Star-)Investoren und ich selbst lasse mich nicht nur durch 1 (Star-)Investor prägen. Ich suche mir von allem das heraus, was mir sinnvoll erscheint.

          Aber dank deiner Artikel lerne ich nun immer mehr Investoren kennen. :-)

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