Semperit AG: Das Geschäftsmodell

Nach einem ersten Quickcheck zur Semperit AG möchte ich nun ein paar Aspekte betreffend das Geschäftsmodell erörtern, um herauszufinden womit das Unternehmen sein Geld verdient. Laut Eigendefinition von der Homepage sieht man sich als Unternehmensgruppe, die „hochspezialisierte Produkte aus Kautschuk und Kunststoff entwickelt, produziert und vertreibt.“

Die Segmente der Semperit AG

Wie bereits dort erwähnt teilt der Konzern seine operative Tätigkeit in zwei Sparten, nämlich in den Sektor Medizin und in den Sektor Industrie. Letzterer wird noch einmal weiter untergliedert, weshalb man insgesamt vier Geschäftssegmente unterscheidet, nämlich

  • Sempermed
  • Semperflex
  • Sempertrans
  • Semperform

Über Sempermed

Die Medizinsparte ist umsatzmäßig die wichtigste und hat 2014 fast die Hälfte (rund 44%) des Jahresumsatzes beigesteuert. Bei den Produkten, die hier angeboten werden, handelt es sich um Operationshandschuhe, Untersuchungshandschuhe und Schutzhandschuhe. Diese kommen in Krankenhäusern, Arztpraxen und im Pflegebereich weltweit zum Einsatz. Die Produktion der Handschuhe findet hauptsächlich in Südostasien (v.a. Thailand und Malaysia) statt, lediglich die Operationshandschuhe werden in Österreich hergestellt.

Über Semperflex

Die zur Sparte Industrie gehörige Gruppe Semperflex produziert und vertreibt Hydraulik- und Industrieschläuche sowie Elastomerplatten.  Die Schläuche existieren in einer Vielzahl unterschiedlicher Designs und Einsatzgebieten und für unterschiedlichste Medien (Öl, Wasser, etc.). Die Fertigung findet in Europa (Österreich, Deutschland, Italien, Tschechien) und Asien (China, Thailand) statt. Umsatzmäßig hat diese Sparte rund 24% zum 2014er Ergebnis beigesteuert.

Über Sempertrans

Der ebenfalls zur Sparte Industrie gehörige Teilbereich Sempertrans stellt Transport- und Fördergurte her. Diese kommen in einer Vielzahl von Branchen wie beispielsweise dem Bergbau und unterschiedlichsten Schwerindustrien zum Einsatz. Produziert wird hier in Polen, Frankreich, Indien und China. Umsatzseitig entfielen 2014 rund 17% des Gesamtumsatzes auf diesen Bereich.

Über Semperform

Der vierte Teilbereich fertigt u.a. Handläufe, Schifolien, Bahn-Oberbau, Formteile, Profile und Seilbahnringe. Die Abnehmerbereiche hier lassen sich wirklich als „quer durch den Gemüsegarten“ beschreiben. Ob bei Rolltreppen, in Seilbahnen, in Waschmaschinen oder im Rohrbau – überall können Kautschuk- und Kunststoffteile von Semperform verbaut werden. Die Produktion findet hier in Österreich, Deutschland, China, USA und Ungarn statt. 2014 hat dieser Bereich rund 15% zum Gesamtumsatz beigetragen.

Margenentwicklung der Segmente

Sempermed 9 Mo. 2015 9 Mo. 2014 Delta
Umsatz 296,7 291,5 1,78%
EBITDA 23,5 32,1 -26,79%
EBIT 14,4 19,7 -26,90%
EBITDA-Marge 7,92% 11,01% -28,07%
EBIT-Marge 4,85% 6,76% -28,18%
Semperflex 9 Mo. 2015 9 Mo. 2014 Delta
Umsatz 156,2 156 0,13%
EBITDA 38,6 38,9 -0,77%
EBIT 32,7 30,4 7,57%
EBITDA-Marge 24,71% 24,94% -0,90%
EBIT-Marge 20,93% 19,49% 7,43%
Sempertrans 9 Mo. 2015 9 Mo. 2014 Delta
Umsatz 121,7 107,7 13,00%
EBITDA 16,7 15,8 5,70%
EBIT 14,3 12,6 13,49%
EBITDA-Marge 13,72% 14,67% -6,46%
EBIT-Marge 11,75% 11,70% 0,44%
Semperform 9 Mo. 2015 9 Mo. 2014 Delta
Umsatz 117,5 100,6 16,80%
EBITDA 21,2 17,4 21,84%
EBIT 17,7 13 36,15%
EBITDA-Marge 18,04% 17,30% 4,31%
EBIT-Marge 15,06% 12,92% 16,57%

Sempermed und Semperflex hatten bisher also zu kämpfen, die anderen beiden Sparten haben in diesem Jahr sehr gut performt. Auffällig ist aber beispielsweise bei Semperflex und Sempertrans, dass die EBITDA-Marge sich im Vergleich zur EBIT-Marge schlechter entwickelt hat. Zum Teil ist das anscheinend darauf zurückzuführen, dass im laufenden Jahr die Nutzungsdauern für die Sachanlagen teilweise verlängert wurden, was nichts anderes bedeutet als niedrigere Abschreibungskosten. Bei so etwas sollte man immer hellhörig werden. Das ist also ein Thema, das unbedingt im kommenden Jahresbericht ausführlich studiert werden muss. Gegebenenfalls sollte man einen Vergleich mit Mitbewerbern versuchen, sofern das sinnvoll durchführbar ist.

Mit EBIT-Margen im mittleren einstelligen Prozentbereich stellt vor allem Sempermed definitiv Massenware her, die sich hauptsächlich über den Preis definiert. Hier spielen aber sicherlich Skaleneffekte eine große Rolle, da in ein paar Fabriken gleich mal mehrere Milliarden Handschuhe pro Jahr produziert werden können. Trotzdem wird wahrscheinlich ein gewisser Qualitätsstandard unerlässlich sein, weil gerade im Operationsbereich ein Riss in einem Handschuh schwerwiegende Folgen haben könnte. Das erklärt möglicherweise, weshalb gerade die Operationshandschuhe nicht in Billiglohnländern hergestellt werden.

Die Margen in den drei Industriesparten sind demgegenüber höher, was darauf hindeutet, dass hier der Wettbewerb eher über die Qualität und den Ruf sowie die Liefertreue geführt wird, als rein nur über den Preis. Das gilt insbesondere für die Sparte Semperflex, die Hydraulik- und Industrieschläuche produziert. Ich bin zwar kein Experte, aber es wird hier wahrscheinlich sehr wichtig sein, Schläuche herzustellen, die großen Belastungen (insbesondere großem Druck) und wechselnden Witterungseinflüssen aussetzbar sind, ohne dass sie gleich kaputt werden.

Von der Absatzmenge her ist derzeit wahrscheinlich die Sparte Industrie die konjunkturabhängigere Division. Teile davon werden mittelfristig sicher noch zu leiden haben, wenn beispielsweise Überkapazitäten in der Rohstoffindustrie abgebaut werden. Alles in allem gefällt mir aber das Produktportfolio und seine diversifizierte Aufteilung ganz gut.

Auf der Input-Seite ist der Materialaufwand mit Abstand die größte Position. Die Materialaufwandsquote betrug beispielsweise zum Q3 2015 rund 61%. Dementsprechend sensibel reagiert man logischerweise auf Preisschwankungen am Rohstoffmarkt. Dies wird insbesondere für die sehr über den Preis gesteuerte Medizinsparte gelten. Für letztere nennt das Unternehmen im aktuellen Bericht auch gesunkene Rohstoffpreise als einen Grund dafür, dass der Umsatz kaum gesteigert werden konnte (mengenmäßig wurde ja deutlich mehr verkauft). Wichtige Faktoren hier sind der Kautschukmarkt und der Latexmarkt, wobei diese einerseits natürlich und andererseits synthetisch hergestellt werden können. Die natürliche Herstellung erfolgt hauptsächlich in Südostasien (Thailand, Indonesien, Vietnam und Malaysia). Das synthetische Produkt weist wiederum eine große Korrelation mit dem Ölpreis auf. Sinken die Rohstoffpreise, muss man die gesunkenen Materialkosten anscheinend sehr zeitnah an den Abnehmer weitergeben, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Weitere Vorgehensweise

Für eine Porter-Analyse, wie es bei der SBO an dieser Stelle eine gegeben hat, weiß ich über die Semperit AG noch nicht genug. Ich bin mir auch noch nicht ganz sicher, wie ich mit dem Unternehmen weiter verfahre. Einerseits gefällt mir der breit gestreute Produktmix und die Performance aus der Vergangenheit ganz gut, andererseits haben wir auch hier eine gewisse (positive) Korrelation mit dem Ölpreis, die ich derzeit im Portfolio schon zur Genüge habe. Außerdem wirkt die Semperit jetzt nicht superbillig, weshalb kein Grund zur Eile bei der Analyse besteht. Desweiteren erscheint in nicht all zu ferner Zeit wieder ein Jahresbericht, der für die weiterführende Beurteilung (Kennzahlen, Ergebnisbereinigung, Bewertung) sehr wichtig sein wird. Gerade im laufenden Jahr gibt es beim Ergebnis auf den ersten Blick nämlich erheblichen Anpassungs- und bereinigungsbedarf, der kaum ohne weiterführende Informationen sinnvoll durchführbar ist. Es gibt eine Reihe von Einmal- und Sondereffekten, wie beispielsweise eine Akquisition (Leeser), die mit „negativem Goodwill“ (=Kaufpreis unter dem Verkehrswert der Assets) durchgeführt wurde, wilde Währungsschwankungen und eine Reihe von Derivaten, und eine verdächtig niedrige Steuerquote im laufenden Jahr. Obendrein orte ich etwas Normalisierungsbedarf bei den Rechts- und Beratungsaufwendungen, weil derzeit anscheinend erbitterte Streitigkeiten mit dem Partner eines Joint Ventures in Asien stattfinden, die üppige Anwaltskosten zu verursachen scheinen. Am wahrscheinlichsten ist für mich, dass ich den nächsten Jahresbericht Mitte März noch abwarten werde, bevor ich mit der Analyse fortfahre.

Nachtrag: Portfolioupdate

Nach Börsenschluss gibt es noch ein kurzes Update zum Bargain Portfolio. Die Positionen Southern Cross Electrical Engineering und Corporacion Financiere Alba wurden zum Preis von 0,365 AUD bzw. rund 37 Euro je Stück verkauft. Dafür wurde die Position Rosenbauer International zu einem Kurs von 60 Euro je Stück etwas ausgebaut und die Liquidität etwas weiter erhöht.

6 Kommentare Semperit AG: Das Geschäftsmodell

  1. Till

    Semperit ist aus meiner Sicht ein gutes Unternehmen mit interessanten Produkten und Marktführerschaften in vielen Nischen. Ein genauerer Blick lohnt sich. Problematisch oder auf den ersten Blick weniger gut ist, wie du selbst sagst, Sempermed. Es ist meines Wissens nach ein JV in Malaysia. Bei dem es nicht rund läuft. Man verklagt sich gegenseitig. Die Handschuhe werden auch dort produziert. Der Partner ist gleichzeitig Rohstoflieferant, sodass die Interessenslage nicht gerecht verteilt ist. Es wäre interessant, eine Szenarioanalyse zu machen: Was passiert, wenn der Teil abgestoßen würde oder wenn man eine langfristig nachhaltige Lösung findet?

    BG, Till

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  2. Daniel Koinegg

    Danke für Deinen Input, Till! Eine Szenarioanalyse ist sicherlich eine gute Idee. ich denke, dass man das in eine Bewertung nach Erscheinen der Jahreszahlen 2015 einbauen kann.

    Eine Erledigung der Streitigkeiten wäre sicher ein Treiber für etwas upside.

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  3. TomB

    Danke für den Artikel, vor allem für die Problem-Zusammenfassung (auch ein Dank an Till).

    Ich schaue da auch mit etwas gemischten Gefühlen hin, und weiß ebenfalls nicht so recht, was machen… wie schon gesagt, prinzipiell halte ich Semperit für ein gutes Unternehmen.

    Tom

    Reply
    1. Daniel Koinegg

      Tom, was ich mir während des Lesens auch gedacht habe… mittel- bis langfristig könnte das Aufkommen von Smart Pills und intelligenterer Bekleidung der Medizinsparte auch ordentlich wehtun. Wenn die Untersuchung im medizinischen Bereich vermehrt ohne unmittelbaren Kontakt zwischen Arzt und Patient stattfindet, sinkt der Bedarf nach Handschuhen gewaltig. Ist jetzt derzeit natürlich noch Zukunftsmusik, sollte aber im Auge behalten werden.

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      1. TomB

        Stimmt. Das muss sich aber erst durchsetzen, und wenn es das tut, ist noch sehr weit in der Zukunft. Denke ich zumindest.

        Das erinnert mich etwas an die Diskussion, dass ich Admiral (Autoversicherer in UK) nicht kaufen soll, weil in 15 Jahren alle Autos selbst-fahrend sind. Erstens, noch sehr weit weg und zweitens glaube ich nicht so recht daran, dass niemand mehr selber fahren möchte (auch wenn es die Nachfrage prinzipiell sicher gibt).

        Noch wächst der Bedarf nach Handschuhen, so weit ich informiert bin.

        Tom

        Reply
        1. Daniel

          Klar, wie gesagt: Zukunftsmusik.

          Ich glaube sogar, dass da in den nächsten Jahren enorme Zuwächse möglich sind. In vielen Volkswirtschaften wird sich das Thema Hygiene/Sterilität im medizinischen Bereich erst so richtig entwickeln. Ein Ende des Bevölkerungswachstums ist vorerst auch nicht in Sicht, somit steigt der Bedarf allein schon aufgrund dessen. So Daumen mal Pi würde ich in dem Bereich 5 Prozent Umsatzwachstum als äußerst konservativ einschätzen.

          EDIT: Wenn man Marktanteilsgewinne unterstellt, könnte man sogar mit höheren Wachstumsraten kalkulieren.

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