Wird das die nächste Blase?

Der Begriff Blase wird am Finanzmarkt gerne verwendet und beschreibt im Groben ein Phänomen, wo der Preis eines oder mehrerer Vermögenswerte deutlich über ihrem inneren beziehungsweise fundamentalen Wert gebildet wird. Anders formuliert reichen die zukünftig von diesen Vermögenswerten generierten Cashflows abzüglich der Kosten, die durch die Generierung dieser Cashflows anfallen, nicht aus, um den Käufern der Vermögenswerte eine dem Risiko angemessene Verzinsung zu gewähren.

Interessanterweise entstehen solche Blasen, zumindest die wirklich großen, oftmals in Branchen und Bereichen, denen wirklich eine „brauchbare“ Story zugrunde liegt. Mit der Südseeblase war beispielsweise die Hoffnung auf große Profite aus einem zunehmenden interkontinentalen Handel verbunden. Die Überbewertung von Luftfahrtunternehmen war auf die Erwartung einer Revolution des Transportwesens gestützt. Die Dotcomblase entstand aus der wirtschaftlichen Überschätzung der Revolution der weltweiten Kommunikationsfähigkeit. All diesen Überbewertungen am Markt ist gemeinsam, dass die zugrundeliegende „Story“ tatsächlich als disruptiv betrachtet werden kann. Die jeweilige Technologie hat das Zusammenleben der Menschen ja wirklich nachhaltig geprägt und verändert. Die preislichen Exzesse waren dem Umstand geschuldet, dass Menschen bereit waren, eine üppige Prämie für eine Einsicht zu bezahlen, die allgemein bekannt war.

Eine mögliche neue Blase in der Zukunft?

Heute morgen habe ich von Elon Musks jüngstem Coup gelesen: Eine Falcon9-Rakete von SpaceX konnte erstmals wieder auf der Erde landen und bereitet so den Weg für eine kostengünstigere Raumfahrt, da durch die mögliche Wiederverwendung von solchen Raketen der Preis für einen Flug ins All logischerweise deutlich sinken wird. Man braucht kein Prophet zu sein, um das Potenzial der Raumfahrt zu erkennen. Es reicht theoretisch von der Verbesserung der Kommunikations- und Überwachungsfähigkeit auf der Erde über die mögliche Entdeckung neuartiger Rohstoffe bis hin zur Erschließung neuer „Märkte“ durch die Besiedelung anderer Himmelskörper und der damit zusammenhängenden Herausbildung entsprechender Branchen wie Weltraumtourismusunternehmen, interplanetaren Speditionen und ähnlichen Träumereien. Da ich mir solche Phantastereien als Laie ohne groß nachzudenken aus dem Ärmel schütteln konnte, wird sich daraus zweifellos eine leicht verständliche, spannende Story zimmern lassen, die eine Menge „Investoren“ begeistern kann. Diese werden mit Freude „Weltraumunternehmen“ aller Art finanzieren, ob über klassische IPOs, zwischengeschaltete Private Equity-Unternehmen oder bedenkliche Crowdfunding-Kampagnen. Zahllose Raketen- und Raumschiffbauunternehmen könnten aus dem Boden schießen. Die Medien werden sich darauf stürzen und die Zulieferindustrie rund um diese neuen Stars wird sich entsprechend aufblähen. Jene Materialien, die in der neuen Branche besonders häufig verwendet werden, verteuern sich. Die Gehälter von Topwissenschaftern und Führungskräften in diesem Bereich werden vom jetzigen Niveau in ungeahnte Sphären vorstoßen. Die Bewertungen von Unternehmen, die „space“, „orbit“ oder ähnliche Termini im Firmennamen führen, werden geradezu absurde Dimensionen annehmen. Und plötzlich wird die Party enden, so wie sie immer plötzlich geendet hat. Die Lichter werden ausgehen, die Musik hört auf zu spielen und die Reise nach Jerusalem ist vorbei. Viele werden keinen Sitzplatz haben und aufgescheucht davonrennen. Wird die zivile Raumfahrt die nächste große Blase? Ich weiß es nicht, zumindest kann ich nicht sagen, ob es die nächste im buchstäblichen Sinn wird. Sie hat aber jedenfalls das Potenzial, eine Blase im Sinne der oben genannten Definition zu werden. Sie wird ein Bereich werden, die die Menschheit erheblich verändern wird und sie lässt sich eine schöne, glamouröse Geschichte verpacken.

Die Blase in der Gesellschaft?

Es gibt daneben noch eine ganze Reihe von anderen hübschen Stories, die einerseits die Welt verändern werden, die aber auch das Potenzial haben, leichtsinnige Anleger um ihr Geld zu erleichtern. Dazu gehören Robotik, 3D-Druck, Elektromobilität, Künstliche Intelligenz, Cognitive Computing, Big Data, Cloud, lebensverlängernde Medizin oder Nanotechnologie. All diese Bereiche werden die gesamte menschliche Existenz erheblich verändern, und zwar schon bald. Für manche wird sich ihr alltägliches Dasein verbessern, weil sie in einer Branche arbeiten, die einen Aufschwung erfährt oder weil es ihnen möglich ist, für sie lästige Routinen an ein technisches Gerät abzugeben. Viele andere werden aber auf der Strecke bleiben, weil sie die Umstellung verschlafen oder weil es ihnen aus irgend einem Grund nicht möglich ist, sich rechtzeitig auf die neuen Rahmenbedingungen einzustellen. Das ist eine Entwicklung, die ebenfalls Beachtung verdient und für die man sensibilisiert werden muss. In Österreich sind sehr viele Menschen in Branchen tätig, wo ich persönlich mir kaum vorstellen kann, dass ein Großteil der Arbeit in zwanzig Jahren noch von menschlicher Hand ausgeführt wird. Wird es in Zeiten selbstfahrender Autos noch Taxifahrer oder Buslenker geben? Was ist mit Piloten von Linienflugzeugen? Was mit Fernfahrern und Schiffskapitänen? Was ist in Zeiten von „Cognitive Computing“ und Spracherkennung mit Callcentermitarbeitern?

Dabei sind das noch verhältnismäßig offensichtliche Branchen. Im Prinzip ist aber jede Art von Tätigkeit betroffen, wo der Großteil der Arbeit aus standardisierbaren und repetitiven Prozessen besteht. Manchmal ist das gar nicht so offensichtlich. Nehmen wir das Rechtsanwaltswesen als Beispiel. Gerade in den ersten Jahren ist der Rechtsanwaltswärter damit beschäftigt, Schriftsätze zu formulieren, die aus einer Argumentationslinie bestehen, deren einzelne Bausteine aus früheren Urteilen und aus der wissenschaftlichen Literatur zusammengetragen werden. Wer den „Watson Debater“ kennt, kann sich vorstellen, dass auch so etwas mittlerweile von einem Computer ganz gut gelöst werden kann. Natürlich wird es immer wieder Fälle geben, wo Intuition, emotionale Intelligenz und Kreativität notwendig sind, um die gewünschte Lösung herbeizuführen, wo also Fähigkeiten gefragt sind, die der Computer bisher noch nicht wirklich emulieren kann oder konnte, weil die Wissenschaft noch gar nicht genau herausgefunden hat, wie das beim Menschen überhaupt funktioniert. Aber die Masse der Arbeit ist meines Erachtens standardisierbar, genauso wie der Allgemeinmediziner, der ein Antibiotikum verschreibt. Man möge mich nicht falsch verstehen: es wird in jeder der genannten Branchen Bedarf für menschliche „Top-Professionals“ geben, Experten, die Probleme entgegen dem common sense lösen und damit erfolgreich werden. Der durchschnittliche „Wissensarbeiter“ wird aber gegen ein gut eingeschultes künstliches Expertensystem den Kürzeren ziehen.

Man kann also im übertragenen Sinne davon sprechen, dass viele Berufsgruppen sich in einer Art „Blasenmodus“ befinden. Menschen, die jetzt Geld, Zeit und intellektuelle Ressourcen dafür aufwenden, um sich in einer solchen Berufsgruppe zu etablieren, stehen vor dem Dilemma, entweder so gut werden zu müssen, um den Computer zu überflügeln zu können, oder schlicht und ergreifend unwirtschaftlich zu sein. Die Summe der aggregierten Ressourcen, die von diesen Menschen für ihre Ausbildung ausgegeben wird, könnte in einem krassen Missverhältnis zu jenem Betrag stehen, der in Zukunft von diesen Menschen in eben dieser Branche verdient wird. Der Preis für den Eintritt in die Berufsgruppe liegt über dem inneren Wert der Tätigkeit in dieser Berufsgruppe – eine Blase.

In Österreich steht die Gesellschaft, insbesondere ihr Sozialsystem und ihr Bildungssystem vor enormen Herausforderungen. Das österreichische Bildungssystem ist beinahe quer durch die Bank so aufgesetzt, dass den Auszubildenden reproduzierbares Wissen vermittelt wird. Es verlangt das Lernen und die korrekte Wiedergabe von Fakten. Es ist dem Geschichtsprofessor wichtiger, dass der Schüler das Datum weiß, wann der zweite Weltkrieg ausgebrochen ist, anstatt darauf Wert zu legen, dass der Schüler versteht, warum er ausgebrochen ist. Würde gleichzeitig Interdisziplinarität forciert, wäre das möglicherweise keine so große Tragik. Der Fokus liegt aber meist auf Spezialisierung und das ist ein großes Problem, wenn man davon ausgeht, dass der Großteil der Absolventen niemals jenen Kompetenzstatus erreichen wird, dass man wirtschaftlicher ist, als ein gut programmiertes bzw. geschultes Expertensystem. Wenn die gesamten Kosten für die Ausbildung aber höher sein könnten als die Wertschöpfung, die letzten Endes von den Ausgebildeten in dieser Sparte für die Gesellschaft erbracht wird, muss man die Frage aufwerfen, wo der Sinn der Sache ist.

Das Grundproblem lässt sich noch auf eine höhere Ebene hieven. Es hat sich in Österreich über die letzten Jahrzehnte ein gesellschaftliches Gefüge entwickelt, das eine gefährliche Mischung darstellt. Wie erwähnt kommen auf alle möglichen Berufsgruppen durch technologische Neuerungen erhebliche Herausforderungen zu. Unzählige Menschen, die jetzt berufstätig sind, werden sich innerhalb der nächsten beiden Dekaden völlig neu orientieren müssen. Gleichzeitig ist aber das derzeitige Bildungssystem nicht in der Lage, Kompetenzen zu vermitteln, die in der Wirtschaft von morgen gefragt sein werden: Intuition, Interdisziplinarität und vernetztes Denken, Kreativität, körperliche Fitness, Humor, Empathie. Daneben entsteht aus verfahrenen Interessensvertretungen eine gewisse Kontraproduktivität. Es scheint Belegschafts- und Gewerkschaftsvertreter zu geben, die ernsthaft glauben, durch Streik, Blockaden und das Verschließen der Augen könne der grundlegende technologische Wandel aufgehalten oder gar umgekehrt werden. Wird sich an der Tatsache, dass in Österreich jede zweite oder dritte Bankfiliale zusperren muss, weil der Bedarf nicht mehr da ist, etwas ändern, wenn die Belegschaften dieser Filialen jetzt streiken? Natürlich nicht. Dadurch, dass Belegschaftsvertreter den Mitarbeitern genau das aber einreden, nimmt man den Betroffenen die Chance, sich rechtzeitig umzuorientieren.

Aus diesen genannten Faktoren resultiert in der Zukunft ein enormer Versorgungsbedarf durch die Gesellschaft für sehr viele ihrer Mitglieder. Es werden erhebliche Mengen Geld für Grundversorgung und Umorientierung all jener ausgegeben werden müssen, die auf den kommenden technologischen Umbruch zu spät reagieren konnten oder wollten. Diese Notwendigkeit wird in ihrer Umsetzung dadurch erheblich behindert, dass durch die politischen Entscheider auf übelste populistische Art eine feindliche Stimmung gegenüber Leistungs- und Innovationsträgern kreiert wird. Mit dem ständigen Ruf nach höherer Besteuerung der „Reichen“ und nach mehr „Umverteilung“ und der Vergabe von Wahlzuckerln mag man eine Zeit lang viele Wählerstimmen bekommen. Mit der höheren Besteuerung von Kapital und größeren Einkommen erreicht man langfristig aber nicht eine gerechtere Verteilung, sondern ein Abwandern der größten Kompetenz und die Beschleunigung der Abwärtsspirale. Ich bin übrigens nicht reich, um einem möglichen Einwurf gleich vorzubeugen.

Die österreichische Gesellschaft befindet sich in einer Blase und ich sehe niemanden in den Riegen der politischen Elite, dem ich eine kompetente Lösung dieses Problems zutraue. Man mag einwenden, dass die Menschheit sich im Laufe der Geschichte immer wieder angepasst hat und sich wie von „unsichtbarer Hand“ durch Kreativität und Innovationsgeist neue Berufsgruppen hervorgebildet haben, die man zuvor nicht für möglich gehalten hatte. Das mag stimmen. Hoffentlich. Es hat im Laufe der Geschichte aber auch noch nie so viele ineffiziente gesellschaftliche Strukturen gegeben, die das einbremsen und das sind furchtbare Aussichten.

12 Kommentare Wird das die nächste Blase?

  1. Moritz

    Auch wenn ich dir in puncto Besteuerungsfolge Abwanderung sowie ineffizienter gesellschaftlicher Strukturen nicht ganz zustimme, muss das ganz klar gesagt werden:
    Klasse Artikel!
    Meiner Meinung und Erfahrung nach ist das deutsche Bildungssystem in ihrer Fokussierung ähnlich (schlecht) aufgestellt. Der Bildungsbegriff wird politisch zunehmend engstirniger. Ist Wissensansammlung als oberste Maxime in Zeiten von Datenfluten und permanent verfügbarem Zugriff auf eben jene noch notwendig, geschweige denn wûnschens- und erstrebenswert? Ist Fachwissen in unserer schnelllebigen Zeit überhaupt noch unser individuell stärkstes Asset?

    Ich glaube, dass sich zukünftig die Schere im Bildungsbereich zwischen Generalisten und Experten auf Dauer weiter öffnen wird, das Modell färbt sich zunehmend schwarz und weiß.
    Fachspezialisierungen auf Nischen einzelner Teilgebiete von Unterbereichen, usw. sind/werden weiter (am) zunehmen.
    Gleichzeitig scheint Kreativität, Flexibilität und das Wissen um interdisziplinäre Verbindungen in Sachen Problemlösung wichtiger zu werden. Vielleicht stehen wir ja vor einer Renaissance des phil. Denkens?
    Klar scheint, wie du schon formuliert hast, dass Verweigerer beider Zweige, welche heute noch auf dem Mittelweg vor sich her schlummern, langfristig von Software, Algorithmen, Maschinen, etc. ersetzt werden.
    Nochmal: Toller Artikel, Daniel!

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    1. Daniel Koinegg

      Hey Moritz, Lob aus berufenem Munde freut mich besonders, danke!

      Ja, ich glaube definitiv, dass Menschen, die in philosophischem Denken geschult sind und obendrein eine breite Basis an gedanklichen Konzepten aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen parat haben (Stichwort Charlie Mungers „latticework of mental models“), in Zukunft gefragt sein werden. Außerdem denke ich, dass körperliche Fitness ein Kriterium wird, um „besser“ leben zu können. Es wird nicht lange dauern, bis die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung nach dem eigenen Lebensstil und nach der Menge an Sport, die man betreibt, bemessen werden. Fitnessarmbänder und entsprechende Apps gepaart mit der ständigen Ortbarkeit des Menschen sind doch Gold für die Krankenkassen. Warum nicht den Beitrag des Herrn X etwas erhöhen, wenn er beim Stiegensteigen schon einen Puls von 180 hat?

      In welchen Punkten bei der Besteuerungsfolge Abwanderung und den ineffizienten gesellschaftlichen Strukturen (ich habe das vor allem in Richtung Sozialpartnerschaft, Sozial- und Wohlfahrtsstaat sowie staatlicher Verwaltung gemeint) würdest Du anders argumentieren?

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      1. Moritz

        Dein Beispiel geht mir da ehrlich gesagt etwas zu kurz und verharmlost diesen gesellschaftlichen Wandel.
        Führt dieses Denken den sozialen und gemeinschaftlichen Aspekt der Krankenversicherung nicht ad absurdum?
        Werden Beiträge für Menschen mit bspw. Herzstörungen dann auch erhöht? Werden riskantere Sportarten bei der KV melde-/genehmigungspflichtig? Wäre der „richtige“ Ansatz nach dieser Logik nicht sowieso die Pflicht-PID (Präimplantationsdiagnostik) und Aussortierung „mangelhafter Ware“?
        Vielleicht bin ich in diesen Punkten einfach zu pessimistisch, aber die Realität gibt zur Genüge Anlass sich Gedanken über solche Themen zu machen (Patentierung von Lebewesen, Überlegungen zur Umprogrammierung von Straftätern, etc.).
        Ich denke, dass wir uns in den nächsten 50 Jahren verstärkt Gedanken machen werden müssen, ob und wie wir unser technologisches Potenzial ausnutzen wollen/sollten. Für Deutschland bedeutet das eine erneute Auseinandersetzung mit Art. 1 Abs. 1 GG.

        Die Themen Besteuerungsgerechtigkeit und Abwanderung sind beide für sich und in Verbindung riesig, aber kurzgefasst: Ich glaube nicht, dass es grundsätzlich gerecht ist, Kapital so viel niedriger zu besteuern als Arbeit und dass daraus direkt eine Abwanderung von Kompetenz folgen soll, finde ich fragwürdig. (Ich beziehe mich nur auf die Besteuerung von Privatpersonen)

        Ich gönne Jedem seinen Reichtum und fordere auch gar keine exorbitanten Steuersätze für Einkommen. Viel wichtiger finde ich das Thema Erbschaften. Mir persönlich würde das Giving Pledge Modell als Pflicht gefallen, ganz gleich, ob das Geld an den Staat geht oder für wohltätige Zwecke gespendet wird. Ist es gerecht und gesund für das Heranwachsen eines Menschen, wenn er von Kindheit an weiß, dass er sein Leben lang ohne eigenes Zutun im Luxus schwelgen wird? „So viel, dass sie alles machen können, aber nicht genug, dass sie nichts machen müssen.“

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      2. Daniel Koinegg

        Moritz, ich finde nicht dass das Beispiel etwas verharmlost. Eher im Gegenteil: es symbolisiert den Trend hin zu einem Bruch im gesellschaftlichen Kollektiv überspitzt. Natürlich führt das Denken das Solidaritätsprinzip der gesetzlichen Sozialversicherung ad absurdum. Aber überleg` mal, was passieren wird, wenn nicht genug Geld da ist, um die Grundversorgung in der jetzigen Form aufrecht zu erhalten. Dann wird es natürlich Maßnahmen geben um einerseits mehr Geld hereinzubringen und andererseits weniger auszugeben. In so einer Situation wird das Solidaritätsprinzip definitiv leiden, wenn beispielsweise immer mehr Stimmen laut werden, weshalb jemand, der sich nur von Fast Food ernährt und überhaupt keine Bewegung macht, gleich viel oder wenig bezahlen muss, wie jemand, der durch Einhaltung eines gesunden Lebensstils einen Beitrag zur Senkung des eigenen „Risikos“ leistet.

        Um auf Deinen Einwurf mit den Herzstörungen zurückzukommen: ich persönlich denke, dass man den Cut dort machen würde, wo die Grenze zwischen angeborenen Schwächen und „bewusst herbeigeführten bzw. erhöhten Risiken“ liegt. Dass das kaum gerecht machbar sein dürfte stelle ich nicht in Abrede. Wo ist übrigens vom Prinzip her der Unterschied zwischen einer weiteren Steuererhöhung auf Tabak bzw. Alkohol und einer KV-Beitragserhöhung für regelmäßige Konsumenten dieser Güter?

        Ad PID: Ob das der „richtige“ Ansatz nach dieser Logik ist, hängt von den ethischen Standards des Betrachters ab. Und über ethische Standards lässt sich genauso streiten wie über Geschmack. Wo ich Dir definitiv zustimme ist dass wir uns in der Zukunft über viele dieser Dinge Gedanken machen müssen.

        Zum Thema Besteuerungsgerechtigkeit: Zunächst muss ich feststellen, dass ich mich ja explizit nicht nur auf Privatpersonen bezogen habe, sondern auf „Kapital und größere Einkommen“, die Begriffe also im weitesten Sinne gefasst habe.

        Wird denn in Deutschland und Österreich Kapital, wenn man es im weitesten Sinne versteht, wirklich um so viel niedriger besteuert als Arbeit, wenn man alle Ebenen und -Ausgabenabsetzmöglichkeiten berücksichtigt? Darf man die beiden aufgrund der Risikosituation überhaupt gleich behandeln? Wie Du sicher weißt, gilt der Gleichbehandlungsgrundsatz nur unter der Prämisse, dass man im übertragenen Sinne Äpfel und Äpfel miteinander vergleicht. Ist es „gerecht“, den Beamten mit „risikolosem“ Einkommen gleich zu besteuern, wie den Unternehmer und Arbeitgeber?

        Stell Dir einen jungen, gut ausgebildeten Programmierer vor, der vor der Wahl steht, einen hoch bezahlten Job in Österreich anzunehmen, wo ihm der Staat die Hälfte des Lohnes wegnimmt, oder ins Ausland zu gehen, wo er möglicherweise nur einen Bruchteil an Steuern und Abgaben entrichtet. Klar ist mir, dass nicht jeder gehen wird, weil auch andere Aspekte bei der Standortwahl des Berufs eine Rolle spielen, aber überdurchschnittlich hohe Besteuerung ist definitiv ein Mitgrund für Abwanderung. Drehen wir die Kausalitätsfrage um: Denkst Du, dass der „brain drain“ aus jenen Ländern niedriger ist, wo unter sonst vergleichbaren Lebensbedingungen die Steuern niedriger sind und die Verwaltung effizienter ist?

        Dieses Beispiel ließe sich auch auf den Industriellen übertragen, der Abwanderungsgedanken hegt. Hohe Lohnnebenkosten, ineffiziente Verwaltungsstrukturen und obendrein noch eine politische Hetze gegen besser Situierte, die zur höheren Besteuerung von Kapital und großen Einkommen sowie auch gleichzeitig zur gesellschaftlichen Stigmatisierung von Reichen führt, sind ein erhebliche Standortnachteile, die die Abwanderung von Kompetenz zumindest signifikant mitbedingen.

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  2. Bernhard

    Hallo Daniel, zum ersten Teil kann ich dir nur die im Herbst erschienene Biographie über Elon Musk empfehlen. Blase sehe ich in dem Bereich keine, aber – als Überleitung zu Teil 2 – es ist schon faszinierend, dass es die NASA in Jahrzehnten nicht geschafft hat, solch eine Lösung zu schaffen (weil als Orga zu träge und ineffizient).
    Deine pessimistische Sicht der Arbeitswelt kann ich nicht teilen, es gab doch schon immer technolog. Fortschritt, es fallen Berufsbilder weg und neue kommen hinzu.

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    1. Daniel Koinegg

      Hallo Bernhard, danke für Deinen Kommentar. Die Bio von Elon Musk habe ich bereits gelesen, danke für die Empfehlung. Ist ein tolles Buch.

      Ich meinte nicht, dass es in dem Bereich bereits eine Blase gibt, sondern dass die Raumfahrt (sofern sie sich auf einer breiteren Basis weiterentwickelt) als Branche den idealen Nährboden für eine Blase bieten würde.

      Zum zweiten Teil: ich hoffe selbst, dass sich meine Sicht als zu pessimistisch herausstellt. Du hast natürlich Recht, dass es immer wieder eine „Erneuerung“ der Berufsbilder durch technologischen Fortschritt gab und die Menschheit halbwegs fein damit zurecht kam. Was meines Erachtens aber in der Vergangenheit nicht notwendig war, war dieser Paradigmenwechsel im Bildungssystem, den ich im Artikel angesprochen habe. Bisher war es möglich, durch bloße Wissensvermittlung Ausbildung so zu „erledigen“, dass der Ausgebildete zumindest irgendeinen Job bekommen hat. Ob das in Zukunft noch funktioniert, bezweifle ich eben.

      Zudem hat es auch noch nie so wenig Anreiz gegeben, sich mit Motivation umzuorientieren. Wenn vor zweihundert Jahren einer nicht bereit war, neue Dinge zu lernen, musste er befürchten, auf der Straße zu landen. Heute kann er sich höchstens das neue iPhone nicht mehr leisten. Der Staat sorgt vielerorts für wesentlich mehr als die Grundbedürfnisse. Ich streite in dem Punkt übrigens nicht ab, dass es auch Härtefälle gibt, die aus irgendeinem Grund durch das soziale Netz fallen, aber dem Großteil geht es so gut, dass der intrinsische Antrieb für das hartnäckige, schweißtreibende Erlernen eines neuen Berufs einfach nicht mehr gegeben ist.

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  3. Joachim

    Die nächste Blase vorauszusehen ist nicht so leicht. Zumindest ist die Ölblase geplatzt. Wir notieren bei 37USD :) und Öl ist trotzdem ohne Ende vorhanden obwohl der Iran noch gar nicht angefangen hat den Weltmarkt zu überschwemmen :).

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    1. Daniel Koinegg

      Ja, bisher hat das Ölengagement noch nichts gebracht. Da hast Du Recht.

      Wirklich aussagekräftig ist dieser Zeitraum bisher aber noch nicht und wie ich schon des Öfteren geschrieben habe, gehen die Indikatoren, die ich meiner Investmentthese zu Grunde gelegt habe (rig count, Nachfrage) schon in die richtige Richtung.

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  4. Robert Michel

    Ich gebe dir mit den meisten Punkten Recht. Selbst wenn Cognitive computing nicht die Leistungsfähigkeit erreicht, die die du erwartest, bleibt das Problem, dass wenn der Staat die Anreize ausschaltet durch die es sich erst lohnt Risiken einzugehen, verliert die Gesellschaft ihre Anpassungsfähigkeit. Warum sollte jemand das Risiko einer Unternehmensgründung auf sich nehmen, wenn Beamte spätestens in der Rente besser gestellt sind als Selbständige? Ob Cognitive computing der verschlafene Trend ist, durch den wir unseren Wohlstand verspielen oder ein anderer spielt dann keine Rolle mehr.

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